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Zwangsarbeit und Psychiatrie

Viele Zwangsarbeiter*innen erkrankten psychisch infolge von schwerer körperlicher Arbeit, Mangelernährung, desolater Unterbringung sowie Gewalterfahrungen. Sofern eine psychische Erkrankung diagnostiziert wurde – etwa durch eine*n Lagerarzt/-ärztin oder durch die*den Amtsarzt/-ärztin, konnten die Patient*innen fachmedizinisch behandelt und in die Psychiatrie eingewiesen werden.

Mit dem rasanten Anstieg der Zahl der Zwangsarbeiter*innen aus West- und Osteuropa 1943 stieg auch die Anzahl der Patient*innen, die eine psychiatrische medizinische Versorgung benötigten.
Um die Zwangsarbeiter*innen von den regulären Anstaltspatient*innen zu separieren, wurden entsprechende Stationen bzw. »Ostarbeiter«-Abteilungen eingerichtet. Diese Separierung hatte mehrere Gründe. Zum einen, sollten Infektionsketten unterbrochen werden, da Zwangsarbeiter*innen infolge katastrophaler hygienischer Bedingungen in ihren Unterkünften neben ihrer psychiatrischen Diagnose vermehrt an ansteckenden Erkrankungen litten, etwa Tuberkulose. Zum anderen ermöglichte die Separierung eine strukturell angelegte Mangelversorgung und -ausstattung. Außerdem sollten deutsche Patient*innen vor den Zwangsarbeiter*innen »geschützt« bleiben, somit diente die Separierung auch der Isolierung der als kulturell und rassisch »minderwertig« geltenden osteuropäischen Patient*innen.

1944 entschied das Reichministerium des Innern sogenannte »Ausländersammelstellen« in elf Heil- und Pflegeanstalten auf dem Gebiet des Deutschen Reiches einzurichten. Im September 1944 wurde die Anordnung umgesetzt. Viele Psychiatriepatient*innen ausländischer Herkunft, die in diesen Sammelstellen konzentriert wurden, wurden Opfer der »Euthanasie«.

Zwangs-Arbeit und Anstalt

Viele Zwangs-Arbeiter werden krank.
Durch die viele Arbeit.
Und viel Gewalt.
Und zu wenig zu essen.
Und schlechtes Wohnen.

Oft bekommen sie eine Lungen-Krankheit.
Und sie werden seelisch krank.
Sie werden stumm.
Sie sind erschöpft und ohne Kraft.
Sie haben große Trauer.
Sie wollen nicht mehr leben.

Sie kommen in ein besonderes Kranken-Haus.
Sie werden Patient.
In einer Anstalt.
Besonders oft in den Jahren 1943 und 1944.

Die Zwangs-Arbeiter bekommen eigene Stationen.
Die heißen Ost-Arbeiter-Abteilung.
Da dürfen keine deutschen Patienten liegen.
Da müssen alle ausländischen Patienten liegen.
Sie bekommen dort eine besonders schlechte Behandlung.

Dann entscheidet der Minister:
Patienten aus dem Ausland dürfen ermordet werden.
Dafür muss man sie alle an einem Ort sammeln.
Also werden Ausländer-Sammel-Stellen eingerichtet.
In Anstalten.
Das sind besondere Stationen nur für ausländische Patienten.
Dort entscheidet ein Arzt:
Der ausländische Patient darf leben.
Oder der ausländische Patient muss sterben.

Das ist im Jahr 1944.
Kurz vor Kriegs-Ende.