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Berend »Benni« Willem Hiemstra

Berend »Benni« Willem Hiemstra wurde am 20. Mai 1937 in Zutphen, Kreis Gelderland, in den Niederlanden geboren. Sein Vater war der Schlachtermeister, Vieh- und Fleischgroßhändler Hermann Godefridus Hiemstra. Die Mutter war Berendina Weselina Hiemstra, geborene Boeyink.

Benni war das einzige Kind von Berendina und Hermann Hiemstra. Darüber gab die Mutter bei der Aufnahme ihres Sohnes in der »Kinderfachabteilung« in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg Auskunft. Sie war eine überzeugte Nationalsozialistin und hing der niederländischen Schwesterpartei der NSDAP an.

Als die Frontlinie und die Alliierten sich den deutsch besetzten Niederlanden näherten, entschieden die Hiemstras, ins Deutsche Reich zu flüchten. Auf diese Weise versuchten sie sich zu retten, da sie aufgrund ihrer Kollaboration mit den Deutschen eine strafrechtliche Verfolgung befürchteten.

Die Flucht mit den notwendigsten Habseligkeiten endete in Lüneburg. Bennis Eltern wurden nach einem kurzen Aufenthalt in der Scharnhorst-Kaserne in einem Flüchtlingslageruntergebracht, das in einer Schule in Amelinghausen im Kreis Lüneburg eingerichtet worden war. Die Flüchtlingslager wurden oftmals von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) betreut. NSV-Schwestern kamen der Meldepflicht von behinderten oder psychisch erkrankten Menschen sehr akribisch nach, sodass es immer wieder zu Einweisungen aus den Flüchtlingslagern in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg kam.

Sicher ist, dass Benni am 10. September 1944 gemeinsam mit einem Kind namens Johann Peter Wolf in die »Kinderfachabteilung« Lüneburg aufgenommen wurde. Bei seiner war er sieben Jahre alt. Seine Mutter gab an, er habe im Alter von sechs Monaten Krämpfe bekommen und sich seither nicht weiterentwickelt.

Bei der ersten Untersuchung kam der Arzt Willi Baumert zu dem Ergebnis, Benni sei ein »tiefstehender Junge, der auf nichts reagiert, liegt teilnahmslos vor sich hindösend im Bett. […] Muß in jeder Hinsicht versorgt werden.« Zwei Wochen später wurde Benni von seinen Eltern besucht. Das war angesichts der Gesamtsituation der Familie ungewöhnlich. Bereits am nächsten Tag erfolgte jedoch der Eintrag, dem Kind ginge es schlecht, es sehe blutarm aus und habe Durchfall. Zur Therapie des Durchfalls wurde eine »Diät« verordnet.

Danach erfolgten nur noch zwei Einträge in seine Krankengeschichte, die durch das Schriftbild den Anschein erwecken, in einem Zuge vorgenommen worden zu sein, und zwar nach Todeseintritt. Am 30. September wurde notiert: »Zustand weiter verschlechtert. Dauernd […] Abgänge
u. Erbrechen.« Am 2. Oktober 1944 wurde notiert: »Exitus 2h nachts. Todesursache 1 angeb. Schwachsinn wahrscheinlich 1b. fieberhafter Magendarmkatarrh.«

Die Eltern besuchten Benni während seines Aufenthaltes in der »Kinderfachabteilung« noch ein weiteres Mal. Im Feld der Besucherkarte »Bemerkungen« sind auch drei Gesprächstermine eingetragen. Ob es wirklich zu Gesprächen mit Max Bräuner, dem Ärztlichen Direktor der Anstalt kam, die Eltern eventuell sogar Einfluss auf die Versorgung ihres Kindes nahmen, lässt sich anhand der Besucherkarte nicht zweifelsfrei rekonstruieren. Offen ist auch, wie ein solcher Einfluss geartet gewesen sein konnte. Auffällig ist jedoch, dass Benni innerhalb von drei Wochen starb. Er wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit ermordet – mit oder ohne Zustimmung bzw. Initiative der Eltern. Sie wurden noch am selben Tag per Telegramm informiert: »Sohn Willem entschlafen.« Benni wurde auf dem Kindergräberfeld bestattet.

Berend »Benni« Willem Hiemstra

Eckart Willumeit

Eckart Willumeit wurde am 21. August 1928 als viertes Kind des Malermeisters Gottlieb Willumeit und dessen Ehefrau Marie Else Willumeit in Celle geboren. Neben zwei Brüder hatte er noch eine ältere Schwester. Die Ehe der Eltern ging wenige Jahre nach Eckarts Geburt in die Brüche. Der Vater war zwischen 1927 und 1933 für die NSDAP im Celler Stadtrat. Später kandidierte er nicht mehr.

In den Unterlagen steht, Eckart habe sich langsam entwickelt. Erst am Ende des zweiten Lebensjahres habe er angefangen zu laufen, mit dreieinhalb Jahren sei es mit dem Sprechen losgegangen. Insgesamt wird Eckart als »zurück« und »mongoloid« beschrieben. Die Schule lehnte ihn ab, auch die Hilfsschule schickte ihn wieder nach Hause. Zum Zeitpunkt seiner ersten Untersuchung 1937 lebten die Eltern bereits getrennt. Eckart blieb zusammen mit seinen Geschwistern bei der Mutter.

Als Eckart neun Jahre alt war, folgte seine Mutter der Aufforderung, beim Gesundheitsamt des Stadt- und Landkreises Celle vorstellig zu werden. Auf wessen Initiative dies geschah, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Der Amtsarzt kam zu dem Ergebnis: »Im ganzen gesehen hat man den Eindruck, daß es noch bildungsfähig ist, jedoch scheint die Mutter nicht in der Lage zu sein, sich derart mit dem Kinde zu beschäftigen, daß davon ein Erfolg zu erhoffen ist. Um einer drohenden vollständigen Verblödung vorzubeugen, halte ich eine Aufnahme in eine entsprechende Anstalt, z.B. Langenhagen, jetzt für dringend erforderlich.« Der Mutter wurde unterstellt, sie sei mit der Förderung
ihres Sohnes überfordert.

Daraufhin wurde Eckart durch das Amt in der Landes- Heil- und Pflegeanstalt Langenhagen angemeldet und am 13. August 1937 dort aufgenommen. Die Trennung fiel Mutter und Sohn schwer. Eckart schrieb seiner Mutter mit Unterstützung der Krankenschwester schon gleich in der ersten Woche. Ein Antwortbrief der Mutter ist erhalten geblieben. Die Zeilen lassen erkennen, dass Eckart (»Karlchen«) zuvor ein behütetes Leben hatte. Die Mutter bemühte sich, den Kontakt zu ihrem Sohn zu halten. Es entwickelte sich ein reger Briefverkehr zwischen Eckart und seiner Mutter. Sie besuchte ihn regelmäßig und holte ihn »auf Urlaub« zu sich nach Hause.

Eckart lebte sich allmählich in Langenhagen ein. Er sei ein gehorsamer Junge, mache keine besonderen Schwierigkeiten, sei »zutraulich und willig«, heißt es in seiner Krankenakte. Ab Oktober 1937 besuchte er sogar die Schule, lernte Buchstaben kennen, las einzelne Worte. Er entwickelte sich gut. Anfang Januar 1938 erfuhr Eckarts Mutter, dass er zusammen mit anderen Kindern in die Anstalten der Inneren Mission Rotenburg verlegt werden sollte. Tatsächlich erfolgte die Verlegung am 18. März 1938. Dieser Ortswechsel, so kann der Akte entnommen werden, warf Eckart erheblich zurück. Eine Postkarte seiner Mutter deutet zudem darauf hin, dass sie Eckart ab dieser Zeit nicht mehr ohne weiteres besuchen konnte.

Am 9. Oktober 1941 wurde Eckart in die »Kinderfachabteilung« nach Lüneburg verlegt. An die Mutter erging eine Woche später die Mitteilung: »Ich teile Ihnen mit, dass Ihr Kind Eckart Willumeit am 9. Oktober aus der Rotenburger Anstalt hier überführt worden ist.« Die in Lüneburg gemachten Eintragungen in seiner Krankenakte und der Verlauf seines Aufenthaltes deuten darauf hin, dass Eckart mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aufgrund von »Bildungsunfähigkeit« mit dem Medikament Luminal ermordet wurde. Eckart starb am 18. Februar 1942 im Alter von 13 Jahren.

Am Todestag wurde die Mutter per Telegramm über den Tod informiert: »Sohn Eckart entschlafen. Beerdigung Sonnabend, 14.30 Uhr angesetzt. Heilanstalt.« Er sollte am 21. März bestattet werden. Doch die Mutter setzte eine Überführung von Eckart nach Celle durch. In der Bescheinigung für die Überführung heißt es: »[…] starb in hiesiger Anstalt der Knabe Eckart-Adolf Willumeit aus Celle an katarrh. Lungenentzündung bei Mongoloider Idiotie und bdrs. Hilusdrüsentuberkulose. […] Der Tod ist nicht durch Gewalteinwirkung eingetreten.«

Eckart Willumeit ist 1928 geboren.
Er kommt aus Celle.
Er hat 3 ältere Geschwister.

Eckart wird mit dem Down-Syndrom geboren.
Er hat eine Behinderung.
Er entwickelt sich langsamer als andere Kinder.
Deshalb darf er nicht zur Schule gehen.
Auch auf die Schule für Kinder mit Behinderungen darf er nicht gehen.

Der Vater von Eckart ist von Beruf Maler.
Und er ist National-Sozialist.
Er ist zwischen dem Jahr 1927 und 1933 im Stadt-Rat.
Für die NSDAP.
Das ist die Partei der National-Sozialisten.

Die Eltern trennen sich.
Eckart bleibt bei seiner Mutter.

Ein Arzt im Gesundheits-Amt will Eckhardt sehen.
Da ist Eckart 9 Jahre alt.
Der Arzt unter-sucht ihn.
Er entscheidet:
Eckhardt kann zur Schule gehen.

Aber der Arzt sagt auch:
Die Mutter von Eckart ist nicht gut für ihn.
Sie hilft ihm nicht genug.
Zu Hause bleibt er dumm.
Darum muss Eckart in eine Anstalt.
Eine Anstalt ist ein besonderes Kranken-Haus.

Er kommt in eine Anstalt nach Hannover.
Seine Mutter besucht ihn oft.
Sie holt ihn auf Urlaub nach Hause.
Und sie schreibt ihm Briefe.
Sie hat große Sehn-Sucht nach ihm.
Eckart ist auch sehr traurig.
Er vermisst seine Familie.
Aber er geht zur Schule.
Er lernt Buchstaben.
Und er lernt lesen.

1 Jahr vergeht.
Eckart kommt in eine Anstalt nach Roten-Burg.
Dort gibt es keine Schule.
Es geht im schlechter.

Im Oktober 1941 kommt Eckart nach Lüne-Burg.
In die Kinder-Fach-Abteilung.
Dort geht es im noch schlechter.
Er bekommt zu viel von einem Medikament.
Daran stirbt er.
Er wird ermordet.
Das ist im Februar 1942.
Eckhardt ist da 13 Jahre alt.

Eckhardt wird in Celle beerdigt.
So will es seine Mutter.
Sie holt seinen toten Körper nach Hause.

Eckart Willumeit

Friedrich Daps

Friedrich Daps wurde am 4. Oktober 1933 in Isernhagen bei Hannover geboren. Seine Eltern Willi und Alma Daps hatten noch zwei weitere Kinder. Friedrich war der Älteste. Friedrich hatte eine geistige Behinderung und kam am 17. Juli 1937, begleitet von seinem Vater Willi, in die Pestalozzi-Stiftung in Großburgwedel. Da war Friedrich noch keine vier Jahre alt. Warum die Eltern ihn dorthin brachten, ist nicht bekannt. Vermutlich waren die Eltern mit der Behinderung des Sohnes überfordert. Er sollte nur ein paar Tage dort bleiben.

Am 8. August 1937 wurde Friedrich Daps obligatorisch von einem Arzt begutachtet. Der kam zu dem Schluss, dass Friedrich »anstaltsbedürftig« sei. Die Pestalozzi-Stiftung schob Friedrich daraufhin schon wenig später am 10. August 1937 in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhagen ab. Über die Eile war die Anstalt verwundert.

In einem Bericht der Stiftung wurde er als »erziehungsunfähig« bezeichnet. Von Langenhagen aus wurde er im März 1938 in die Anstalten der Inneren Mission Rotenburg verlegt. Die wenigen Einträge in Friedrichs Akte aus beiden Anstalten bezeichnen ihn als »schwachsinnig« und »nicht bildungsfähig«. Am 9. Oktober 1941 wurde er gemeinsam mit 137 anderen Kindern aus Rotenburg in die »Kinderfachabteilung« Lüneburg verlegt.

Dort starb Friedrich am 21. März 1942. Er wurde nur acht Jahre alt. Die angebliche Todesursache »angeborener Schwachsinn« und »Lungenentzündung« kann bezweifelt werden. Höchstwahrscheinlich wurde Friedrich in der »Kinderfachabteilung« Lüneburg mit dem Medikament Luminal ermordet.

Telegrafisch wurde der Vater noch am gleichen Tag benachrichtigt, dass der Sohn bereits am Tag darauf um 15.30 Uhr auf dem Anstaltsfriedhof, dem heutigen Friedhof Nord-West, beerdigt werde. An eine Überstellung der Leiche nach Hannover war nicht gedacht. Vielmehr musste das Kind wohl schnell unter die Erde.

Friedrichs Gehirn wurde nach seinem Tod entnommen und zu Forschungszwecken in das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf geschickt. Dort wurde es mit den Gehirnschnitten von elf weiteren Kinder-Opfern aus der Lüneburger »Kinderfachabteilung« siebzig Jahre später aufgefunden. Diese sterblichen Überreste wurden am 25. August 2013 auf dem Nord-West-Friedhof bestattet, auf dem eine Gedenkanlage eingerichtet worden war.

Im Februar 2021 wurde in Großburgwedel eine Straße nach Friedrich Daps in der Nachbarschaft zur Pestalozzi-Stiftung benannt. Im Frühjahr 2022 wurde ihm in Isernhagen vor seinem ehemaligen Zuhause ein Stolperstein verlegt.

Friedrich Daps ist am 4. Oktober 1933 in Isern-Hagen geboren.
Das ist in der Nähe von Hannover.
Hannover ist die Haupt-Stadt von Nieder-Sachsen.
Er hat 2 Brüder.
Sie sind jünger.

Friedrich ist das erste Kind.
Die Mutter kann sich nicht gut um Friedrich kümmern.
Sie hat nicht genug Kraft für Friedrich.
Und die Eltern haben ein Problem mit seiner Behinderung.
Friedrich kommt mit 4 Jahren in ein Heim.

Das Heim ist die Pestalozzi-Stiftung.
Die gibt es auch heute noch.
Friedrich soll nur wenige Tage da sein.
Doch es kommt anders.

Ein Arzt unter-sucht Friedrich.
Er stellt fest:
Friedrich will nicht mit anderen Kindern spielen.
Er ist sehr unruhig und wild.
Er macht nichts was man ihm sagt.
Er kann nicht hören und sprechen.
Er ist dumm.

Der Arzt entscheidet:
Friedrich muss in eine Anstalt.
Eine Anstalt ist ein besonderes Kranken-Haus.
2 Tage später kommt er in eine Anstalt in Hannover.

Friedrich soll schnell weg.
Die Pestalozzi-Stiftung will ihn los-werden.
Die Anstalt in Hannover ist sehr überrascht.
Die Eltern von Friedrich werden nicht gefragt.

Friedrich kommt nach 8 Monaten in eine zweite Anstalt.
Die ist in Roten-Burg.
Dort bleibt Friedrich 2 Jahre und 7 Monate.

Dort interessiert er sich nur für besondere Sachen.
Zum Beispiel für Licht, Glitzern, Brummen.
Ärzte denken deshalb:
Friedrich ist dumm und blöde.

Im Jahr 1941 kommt Friedrich nach Lüne-Burg.
In ein Kranken-Haus.
Er kommt in die Kinder-Fach-Abteilung.
Er kommt in das Haus 25.

Der Lüne-Burger Arzt entscheidet:
Friedrich wird nicht wieder gesund.
Er muss sterben.

Eine Kranken-Schwester gibt ihm ein Medikament.
Sie gibt ihm viel zu viel.
Damit Friedrich daran stirbt.
Er wird ermordet.

Er stirbt am 21. März 1942.
Da ist er 9 Jahre alt.

Der Arzt nimmt danach das Gehirn von Friedrich aus dem Kopf.
Er unter-sucht das Gehirn.
Und er schickt es in ein Kranken-Haus nach Hamburg.
Das bleibt alles geheim.

Friedrich wird auf dem Anstalts-Friedhof beerdigt.
Ohne die Eltern.
Sie bekommen die Nachricht über den Tod zu spät.
So schnell können sie nicht nach Lüne-Burg kommen.

Der Mord an Friedrich bleibt auch geheim.

Bis Forscher Teile von dem Gehirn von Friedrich finden.
Das ist erst 70 Jahre später.
Die Gehirn-Teile sind immer noch in dem Kranken-Haus in Hamburg.
Man hat sie einfach vergessen.
Nach dem Ende des Zweiten Welt-Krieges.

Auch die Gehirn-Teile von elf anderen Kindern wurden vergessen.
Alle diese Kinder wurden in Lüne-Burg ermordet.
In der Kinder-Fach-Abteilung in der Lüne-Burger Anstalt.

Die Gehirn-Teile werden 2013 beerdigt.
Es gibt eine Gedenk-Anlage.
Sie erinnert an Friedrich.

Im Jahr 2021 bekommt eine Straße den Namen Friedrich Daps-Weg.
Die Straße ist in der Nähe von der Pestalozzi-Stiftung.
Im Jahr 2022 bekommt Friedrich einen Stolper-Stein.
Er liegt vor dem Haus von der Familie von Friedrich.

Friedrich Daps

Friedrich Daps Stolperstein

Friedrich-Daps Straßenname

Fritzchen Wehde

Fritz (gerufen Fritzchen) Wehde wurde am 11. November 1939 in ein liebevolles und fürsorgliches Umfeld hineingeboren. Er lebte mit seinen zwei jüngeren Geschwistern und den Eltern in Horst bei Hannover. Sein Urgroßvater Heinrich hatte das Haus erbaut, zeitgleich und neben das Haus seines Zwillingsbruders Ludwig. Die »Zwillingshäuser« stehen noch heute und werden von Fritzchens Neffe und seiner Cousine bewohnt.

Fritzchen war das gemeinsame Kind von Fritz und Else Wehde. Als erstgeborener Sohn bekam er den Vornamen seines Großvaters, Onkels und Vaters. Fritzchens Vater war gelernter Maurer und machte später, nachdem er die Meisterprüfung abgelegt hatte, in Horst ein Baugeschäft auf. Die Wehdes fühlten sich politisch der SPD zugehörig, auch als diese 1933 verboten wurde. Sie blieben auch nach der Machtergreifung »gegen die Nazis eingestellt«.

Die Familie war eng miteinander und vor allem zu seiner Tante Wilma habe Fritzchen eine enge Bindung gehabt: »Tante Wilma kommt heute nach Horst. Kaum hatte Fritzchens Mutter diesen Satz ausgesprochen, ist Fritzchen losgeflitzt, durch das Haus gerannt, über die Diele nach draußen, zum Gartenzaun – zu seiner Lieblingsstelle, denn von dort hatte Fritzchen die ganze Straße im Blick. Und dann hat Fritzchen gewartet. Durch nichts und niemanden war Fritzchen dazu zu bewegen, wieder ins Haus zu gehen«.

Bei Fritzchens Geburt war es zu Komplikationen gekommen. Ein Sauerstoffmangel führte zu einer frühkindlichen Hirnschädigung mit geistiger Behinderung. Bis auf wenige Einschränkungen verlebte Fritzchen dennoch eine normale Kindheit, wurde von seiner Familie liebevoll versorgt. Da er in der Familie und in seinem Heimatort gut integriert war, wurde das Gesundheitsamt erst spät auf ihn aufmerksam. Im Juli 1944 wurde er von der Amtsärztin Meyer an den »Reichsausschuss« gemeldet und damit die Behandlung in einer »Kinderfachabteilung« eingeleitet.

Sechs Wochen später wurde der Junge gegen den Willen der Eltern abgeholt und mit polizeilicher Verfügung in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg zwangseingewiesen. Fritzchen litt sehr unter der Trennung von seiner Familie, er bekam Wutausbrüche und verletzte sich selbst, zerstörte die wenigen Habseligkeiten, die er besaß. Da er wohl auch viel weinte und schrie, wurde er zunächst mit Luminal ruhig gestellt – »3 + 1 Tabletten« sind in der Krankengeschichte notiert.

Ab Mitte November verschlechterte sich Fritzchens allgemeine Verfassung rapide, wohl nicht nur aufgrund der Medikamenteneinnahme, sondern auch aufgrund der Mangelversorgung.. Weil Krieg war, erhielten Fritzchens Eltern nur ein einziges Mal eine Besuchserlaubnis. Sie mussten sich daher brieflich nach seinem Gesundheitszustand erkundigen. Der Ärztliche Direktor Bräuner beantwortete ihre Erkundigungen: »Geistig ist er bisher nicht weiter gekommen […] Im November hat der Junge eine zeitlang Durchfall gehabt […] und seit dem besteht die Neigung zu einem Mastdarm. […] der Kräftezustand hat sich verschlechtert.«

Zwei Wochen später wurde Fritzchen Wehde entweder durch eine Überdosis Luminal ermordet oder er verhungerte, beides ist möglich. Seine offizielle Todesursache lautete »Dickdarmkatarrh«. Zur Beruhigung der Eltern behauptete Bräuner zudem, eine geistige Weiterentwicklung sei bei Fritzchen ausgeschlossen gewesen, weil die Hirnschäden infolge einer Hirnhautentzündung zu groß gewesen seien. Diese Information machte die Familie stutzig, denn Fritzchen war nie an einer Hirnhautentzündung erkrankt. Daher bestand früh der Verdacht, bei Fritzchens Tod sei nachgeholfen worden.

Fritzchens Leichnam wurde auf dem damaligen Anstaltsfriedhof beerdigt, sein Grab trug die Grabnummer 242a. Fritzchens Familie bemühte sich verzweifelt an der Beisetzung teilzunehmen. Sie erhielt jedoch keine Fahrerlaubnis.

Fritzchen ist 1939 geboren.
Er lebt in der Nähe von Hannover.
Er hat 2 jüngere Geschwister.
Die ganze Familie wohnt in 2 Häusern.
Sie stehen neben-einander und sind gleich.
Sie sind von Zwillingen gebaut.
Es ist der Ur-Groß-Vater von Fritzchen.
Und sein Bruder.
Darum heißen die Häuser »Zwillings-Häuser«.

Die Familie ist sehr eng.
Und liebevoll.
Es sind keine National-Sozialisten.
Die Eltern sind für die Arbeiter-Partei.
Der Vater ist Maurer.

Fritzchen hat eine Behinderung.
Bei der Geburt bekommt er nicht genug Luft.
Sein Gehirn wird nicht gut versorgt.
Davon hat er Schäden.

Das Gesundheits-Amt weiß lange nichts von Fritzchen.
Die Familie passt gut auf ihn auf.
Erst im Juli 1944 muss Fritzchen ins Gesundheits-Amt.
Die Ärztin meldet ihm beim »Reichs-Aus-Schuss«.

6 Wochen später wird Fritzchen abgeholt.
Die Polizei ordnet es an.
Er kommt in die Kinder-Fach-Abteilung Lüne-Burg.
Gegen den Willen der Eltern.

Fritzchen ist in Lüne-Burg sehr traurig.
Er ist wütend und will nach Hause.
Er bekommt ein Medikament zur Beruhigung.
Und er bekommt auch nicht genug zu essen.

Seine Eltern dürfen ihn nur ein einziges Mal besuchen.
Sie schreiben ihm.
Der Arzt antwortet:
Fritzchen ist dumm.
Und er hat Probleme mit dem Bauch.
Er ist sehr schwach.

2 Wochen später stirbt Fritzchen.
Er ist ein Kind-Opfer vom Patienten-Mord.
Der Arzt schreibt den Eltern:
Fritzchen ist tot.
Aber er hätte sowieso kein gutes Leben gehabt.
Er hat eine Entzündung im Gehirn gehabt.

Aber das stimmt nicht.
Der Arzt lügt.
Das fällt den Eltern auf.
Sie wissen früh:
Fritzchen ist ermordet worden.
Der Arzt hat ihn umgebracht.
Weil er eine Behinderung hat.

Fritzchen wird auf dem Fried-Hof der Anstalt beerdigt.
Seine Eltern bekommen keine Fahr-Karte.
Sie können nicht hin-fahren und bei der Beerdigung dabei sein.

Fritzchen Wehde Zwillingshäuser

Fritzchen Wehde mit seiner Tante Wilma

Fritzchen Wehde mit seiner Grossmutter Minna

Hans-Herbert Niehoff

Hans-Herbert Niehoff wurde acht Jahre alt. Er wurde am 30. Oktober 1933 in Hannover geboren. Seine Eltern waren der Drogist Hans-Hermann Niehoff und seine Frau Marie Niehoff, geborene Appel. Bereits im Alter von sieben Monaten gaben seine Eltern ihn in ein Kinderheim in Hannover-Mecklenheide. Am 30. November 1934 kam Hans-Herbert aufgrund einer schweren Lungentuberkulose in die Heilanstalt Heidehaus Hannover. Als er nicht einmal zwei Jahre alt war, verstarb dort auch seine Mutter Marie an Tbc. Es ist anzunehmen, dass Mutter und Kind in der Zeit ihres gemeinsamen Aufenthaltes miteinander Kontakt hatten.

Nach dem Tod der Mutter dauerte es noch zwei weitere Jahre, bis das Heidehaus eine Unterbringung von Hans-Herbert in der Landes- Heil- und Pflegeanstalt Hannover-Langenhagen empfahl. Am 19. April 1937 erfolgte seine Einweisung in die Anstalt, zunächst nur zur Beobachtung. Sein Vater war zwischenzeitlich nach Algermissen in den Landkreis Hildesheim gezogen. In der Anstalt Hannover-Langenhagen angekommen, wurde Hans-Herbert als »stumpf« und »blödsinnig« bezeichnet. Seine Diagnose lautete »angeborener Schwachsinn«. Damit war sein weiterer Lebensweg entschieden.

Am 31. Mai 1937 wechselte Hans-Herbert auf die Kinderstation und blieb dort bis zu seiner Verlegung in die Anstalten der Inneren Mission Rotenburg im Jahr 1938. Der letzte Eintrag vor seiner Verlegung nach Rotenburg lautete: »Zuweilen erhöhte Temperatur. Springt gern umher. Macht sonst keine Fortschritte. Tiefstehender Junge, trotzdem er ganz niedlich aussieht.«

In Rotenburg wurde Hans-Herbert einfach nur verwahrt. Erst über ein halbes Jahr nach seiner Ankunft erfolgte der erste Eintrag. Bis zu seiner Verlegung in die »Kinderfachabteilung« Lüneburg folgten nur noch zwei weitere Einträge, der letzte folgenschwer: »Kommt geistig nicht weiter, spielt nicht geordnet, läuft meist planlos umher. Bildungsunfähig.« Weil die Mutter verstorben und der Vater inzwischen als Sanitäter an der Front war, ging die Mitteilung über die Verlegung in die »Kinderfachabteilung« direkt an die Großmutter.

Hans-Herbert Niehoff hatte fast sein gesamtes Leben in einem Heim bzw. in einer Anstalt verbracht, als er am 30. März 1942 im Alter von acht Jahren in Lüneburg starb. Die wenigen Eintragungen in der Krankenakte von Hans-Herbert aus seiner Lüneburger Zeit deuten darauf hin, dass er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ermordet wurde. In der Akte finden sich widersprüchliche Angaben zur Todesursache und zum Todeszeitpunkt.

Hans-Herberts Großmutter Marta, die aufgrund des Fronteinsatzes des Vaters die Vormundschaft besaß, wurde per Post über den Tod ihres Enkels informiert. Es ist unwahrscheinlich, dass sie oder ein anderes Familienmitglied an der Beerdigung teilnahmen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass sich die Familie in irgendeiner Weise für ihren Jungen interessiert hatte. In den sieben Jahren, in denen Hans-Herbert in verschiedenen Einrichtungen gelebt hatte, erkundigten sich Vater und Großmutter kein einziges Mal nach ihm. Erst mit dem Tod von Hans-Herbert fragte der Vater nach der Krankheitsgeschichte. Die Großmutter interessierte nur ein Schaukelpferd, das auf seinen Stationen durch verschiedene Heime und Anstalten wohl verloren gegangen war.

Hans-Herbert Niehoff ist 1933 in Hannover geboren.
Sein Vater arbeitet in einem Laden.
Da kann man Seife und Zahn-Pasta kaufen.

Hans-Herbert hat eine Behinderung.
Er entwickelt sich sehr langsam.
Seine Eltern geben ihn in ein Kinder-Heim.
Da ist Hans-Herbert noch ein Baby.
Er ist erst 7 Monate alt.

Mit 1 Jahr wird er krank.
Er bekommt eine Lungen-Krankheit.
Er muss in eine Heil-Anstalt.
Dort ist auch seine Mutter.
Sie hat die gleiche Lungen-Krankheit.
Sie stirbt an der Krankheit.
Da ist Hans-Herbert fast 2 Jahre alt.

Er bleibt in der Heil-Anstalt.
2 Jahre ist er da alleine.
Seine Mutter ist tot.
Sein Vater kümmert sich nicht.
Er zieht in eine andere Stadt.
Er will mit Hans-Herbert nichts zu tun haben.

Mit 4 Jahren kommt Hans-Herbert woanders hin.
Er kommt in die Anstalt nach Hannover-Langen-Hagen.
Ein Arzt sagt:
Hans-Herbert hat eine Behinderung.
Er ist dumm.
Er kann nichts.

1 Jahr später kommt er wieder in eine andere Anstalt.
Er kommt nach Roten-Burg.
Da bleibt er 3 Jahre.

Der Vater ist jetzt Kranken-Pfleger.
Er ist in Russland im Krieg.
Er kann sich immer noch nicht kümmern.
Das macht die Oma von Hans-Herbert.
Aber sie macht es nicht wirklich.
Sie besucht ihn nicht.
Sie schreibt ihm nicht.
Hans-Herbert ist ihr egal.

Eines Tages bekommt die Oma einen Brief.
Darin steht:
Hans-Herbert muss in die Kinder-Fach-Abteilung nach Lüne-Burg.
Am 31. März 1942 stirbt Hans-Herbert.
Er wird in Lüne-Burg ermordet.
In der Kinder-Fach-Abteilung.

Die Oma bekommt wieder einen Brief.
Darin steht:
Hans-Herbert ist tot.
Er wird in Lüne-Burg beerdigt.

Erst jetzt antworten Oma und Opa.
Sie fragen den Arzt:
Was ist mit Hans-Herbert passiert?
Wo ist sein Schaukel-Pferd?

Das Schaukel-Pferd ist schon lange nicht mehr da.
Das haben sie nicht mit-bekommen.

Helmut Quast

Helmut Quast wurde am 22. Januar 1930 in Neuenfelde-Nincop im Kreis Jork im Alten Land geboren. Über seine Eltern ist wenig bekannt. Der Vater Jonny Quast war Landwirt, später Frontsoldat und fiel im Krieg. Die Mutter Emma Matilde Quast war nach gescheiterter erster Ehe mit Helmut Quasts Vater neu verheiratet und brachte noch zwei Kinder zur Welt. Helmut lebte bei seiner Mutter auf dem Kleenlof-Hof. Nach der Wiederheirat zogen sie nach Estebrügge und von dort 1936 nach Borstel im Kreis Stade.

Die Einweisung von Helmut Quast in eine Anstalt erfolgte auf Veranlassung des Amtsarztes des Gesundheitsamtes des Kreises Stade. Der Amtsarzt stellte bei einer Untersuchung von Helmut fest, dass er »blöde« sei und auf einer Hilfsschule besser aufgehoben wäre, dort zumindest Fertigkeiten für das spätere Leben erlernen könnte. Auch seine Klassenlehrerin befürwortete den Schulwechsel.

Der Amtsarzt beauftragte das Kreiswohlfahrtsamt damit, Helmut in den Rotenburger Anstalten der Inneren Mission unterzubringen, die über die geforderte Hilfsschule verfügten. Er begründete seine Entscheidung, Helmut sei »infolge seiner Unberechenbarkeit und seines heimtückischen Wesens für die anderen Kinder und für sich selbst eine Gefahr«. Er kam daraufhin am 14. Januar 1938 in den Rotenburger Anstalten an und besuchte fortan die Unterstufe der Anstaltsschule.

Obwohl Helmut ein eher unauffälliger »Patient« war, wurde von ärztlicher Seite an der Ausgangsbeurteilung festgehalten und galt weiterhin als »persönlichkeitsgestört«. Die Lehrer der Hilfsschule beurteilten Helmut differenzierter als die Ärzte. Im Beurteilungsbogen heißt es: »Hier unter Aufsicht merkt man wenig von den gefährlichen Anlagen, die in der Akte verzeichnet sind«.

Erst 1939 ist notiert, seine »Rohheiten« würden sich wieder mehr zeigen. Dies stand in engem Zusammenhang mit der Wiederheirat seines Vaters und mit dem Verwehren eines Urlaubes bei seiner Mutter. Solche sozialen Faktoren wurden bei der Bewertung von Helmuts Verhalten aber nicht berücksichtigt. Kurz vor seiner Verlegung nach Lüneburg wurde eingetragen: »Ziemlich schwieriger
Junge, der stets zur Arbeit angehalten werden muß«. In Lüneburg findet sich erst zwei Monate nach seiner Ankunft der erste Eintrag in seiner Patientenakte: »Keine Entwicklung, […] stumpfer, antriebsloser Junge, meist abgelenkt und einfältig und brutal anderen Jungen gegenüber. Muss zu allem angehalten werden, hilft ab und an mit […].«

Im Alter von zwölf Jahren starb Helmut am 1. März 1942 in der »Kinderfachabteilung«. Als Todesursache wurde »krupöse Lungenentzündung« angegeben. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurde Helmut mit dem Medikament Luminal getötet. Wie andere Kinder wurde Helmuts Leichnam seziert. Helmut sollte drei Tage nach seinem Tod auf dem Anstaltsfriedhof, dem heutigen Friedhof Nordwest, beerdigt werden. Im Verzeichnis der Kindergräber im Begräbnisbuch 1922 – 1948 der Stadt Lüneburg findet sich jedoch kein Eintrag. Bis heute ist unbekannt, wo Helmut Quasts Leichnam bestattet wurde.

Helmut Quast ist 1930 geboren.
Er kommt aus dem Alten Land.
Das ist im Süden von Hamburg.
Der Vater ist Bauer und Soldat.
Er stirbt im Krieg.

Die Mutter heiratet einen anderen Mann.
Sie bekommt 2 Kinder mit ihm.
Die Familie lebt auf einem Bauern-Hof.
Die Familie zieht in den Land-Kreis Stade.
Da ist Helmut 6 Jahre alt.

Helmut benimmt sich nicht gut.
Er ist böse und gemein zu anderen Kindern.
Er hat es auch in der Schule schwer.
Er lernt nicht gerne.

Seine Lehrerin sagt:
Helmut muss auf eine Hilfs-Schule.
Das ist eine Schule für Kinder mit Behinderungen.

Ein Arzt vom Gesundheit-Amt sagt das auch.
Er sagt:
Helmut muss in die Anstalt nach Roten-Burg.
Das ist ein besonderes Kranken-Haus.
Da gibt es eine Hilfs-Schule.

Das passiert im Jahr 1938.

Helmut bleibt in Roten-Burg.
3 Jahre lang.
Dort ist er am Anfang nicht mehr gemein und böse.
Er fällt nicht auf.
Er benimmt sich.

Dann heiratet sein Vater.
Und Helmut darf nicht nach Hause zu seiner Mutter.
Das macht ihn wütend.
Ab dann macht er nicht mehr gut mit.
Er will nicht mehr arbeiten.
Er hilft nicht mehr mit.
Er ärgert andere Kinder.

Im Oktober 1941 kommt Helmut nach Lüne-Burg.
Dort ist ein besonderes Kranken-Haus.
Er kommt in die Kinder-Fach-Abteilung.
Dort wird er ermordet.
Ein Arzt gibt ihm zu viel von einem Medikament.
Er stirbt am 1. März 1942.

Helmut wird auf dem Fried-Hof der Anstalt beerdigt.
Aber sein Grab ist bis heute nicht zu finden.
Es ist weg.
Niemand weiß wo es ist.

Herta Ley

Herta Ley wurde am 9. Oktober 1930 in Westrhauderfehn, Kreis Leer, geboren. Sie erkrankte mit zwei oder drei Jahren an einer Hirnhautentzündung. Ihr Vater Wessel Ley war Arbeiter und Landwirt. Über die Mutter Gesine Ley ist wenig dokumentiert. Sie arbeitete in der Landwirtschaft mit und hielt ab 1939 den Hof. Herta hatte eine zwei Jahre jüngere Schwester Ilse.

Herta Ley wurde im Alter von fast fünf Jahren in die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission aufgenommen. Die Einweisung wurde durch den Kreisarzt veranlasst, der bei einer gelegentlichen Untersuchung einen »angeborenen Schwachsinn schwersten Grades« feststellte. Bei der Aufnahme gaben die Eltern an, Herta könne ein paar Worte sprechen, gehen, sitzen und stehen, jedoch wurden diese Angaben bezweifelt und die Diagnose »Idiotie« gestellt, . Auch fehlen in den Arztberichten Zuschreibungen wie »unsauber«, »kann nicht alleine essen« etc., sodass angenommen werden kann, dass Herta bei ihrer Aufnahme tatsächlich in einem gewissen Maße selbstständig war.

Herta wurde zu Weihnachten beurlaubt und hin und wieder von ihrer Mutter besucht. Herta nahm in der Rotenburger Anstalt jedoch eine schlechte Entwicklung. Sie verlernte das Laufen, Sprechen und verlor ihre Selbständigkeit. Offenbar wurde sie nicht gefördert und stattdessen vernachlässigt. Kurz vor ihrer Verlegung nach Lüneburg 1941 heißt es abschließend »Ganz tiefstehendes Mädchen, das sich selbst schlägt und beißt.« Zwei Monate später schrieb der Lüneburger Arzt Willi Baumert über Herta: »Völlig tiefstehend und offenkundig bildungsunfähig«.

Im November 1941 wurde an die Eltern ein Schreiben geschickt, das sie darüber in Kenntnis setzte, dass ihre Tochter hochfieberhaft an einem Bronchialkatarrh erkrankt sei. In der Akte ist hierzu nichts vermerkt. Vermutlich war Herta gar nicht erkrankt, sondern wurden ihre Eltern versehentlich angeschrieben.

Laut Akte erkrankte Herta erst Ende Januar / Anfang Februar 1942 fieberhaft. Sie starb am 3. Februar 1942 im Alter von elf Jahren. Die in der Todesanzeige angegebene offizielle Todesursache lautete »doppelseitige Lungentuberkulose«, obwohl sich hierzu kein einziger Eintrag in ihrer Krankenakte findet. Hierbei bezog sich Willi Baumert auf vermeintliche Tuberkulose-Vorerkrankungen von Herta. Doch diese hatte es nie gegeben. Das geht aus zwei Arztberichten hervor, die 1936 und 1940 erstellt wurden. Zweimal war Herta Ley mit Verdacht auf Lungen-Tbc untersucht worden, beide Untersuchungen waren jedoch ohne Befund. Bei der Untersuchung 1940 wurde sogar festgestellt: »Der Durchleuchtungsbefund liess nichts für eine Tbc. erkennen, jedoch einen Herzfehler vermuten, möglicherweise einen angeborenen. […] Lungenfelder einwandfrei«.

An den Vater, der zur gleichen Zeit im Lager Löningen seinen Heimatschutzdienst leistete, gingen noch am Todestag ein Telegramm und ein ausführliches Schreiben. Darin hieß es: »Wie ich Ihnen bereits telegraphisch mitteilte ist Ihre Tochter Herta Ley heute Vormittag 3,30 Uhr sanft entschlafen.« Sie wurde drei Tage später auf dem Anstaltsfriedhof, dem heutigen Friedhof Nord-West, bestattet.

Im Strafprozess wegen Mordes gegen Dr. Max Bräuner, Dr. Willi Baumert und die Pflegerin der Mädchenstation Dora Vollbrecht 1962 – 1966 wurde Hertas Krankenakte am 12. Juni 1963 als Beweisstück angeführt. In ihrer Befragung konnte Dora Vollbrecht die Tötung vieler namentlich benannter Kinder jedoch nicht mehr erinnern. 1966 wurde Dora Vollbrecht außer Verfolgung gesetzt, 1980 das Strafverfahren gegen sie wegen Verfahrensunfähigkeit endgültig eingestellt.

Nach dem Tod von Herta bekam ihre Mutter Gesine noch zwei Mädchen, Wilma und Hanne. Weil Hanne am gleichen Tag geboren wurde wie Herta, sollte sie erst den Namen Herta tragen. Erna, die Schwester von Gesine, verhinderte dies. Sie hatte sich um Herta gekümmert, bevor diese in die Anstalt aufgenommen wurde und erzählte später von ihr. Ihre Schwester Hanne trug zur Aufarbeitung von Hertas Schicksal bei.

Herta Ley ist 1930 in West-Rhauder-Fehn geboren.
Das ist im Land-Kreis Leer.

Mit 2 Jahren hat sie eine Hirn-Haut-Entzündung.
Das ist gefährlich.
Dann ist das Gehirn entzündet.
Es kann zu einem Schaden kommen.
Und das ist bei Herta passiert.
Sie bekommt eine geistige Behinderung.

Der Vater ist Arbeiter und Bauer.
Auch die Mutter arbeitet in der Land-Wirtschaft.
Herta hat eine jüngere Schwester.

Sie kommt nach Roten-Burg.
In die Anstalt.
Das ist ein besonderes Kranken-Haus.
Da ist sie fast 4 Jahre alt.
Das hat ein Arzt entschieden.
Es ist der Arzt aus dem Gesundheits-Amt.

Die Eltern sagen:
Herta soll zu Hause bleiben.
Sie kann laufen, sprechen, sitzen, essen, trinken.
Alles alleine und ohne Hilfe.
Aber der Arzt glaubt den Eltern nicht.
Darum bleibt sie in Roten-Burg.

Dort geht es Herta schlecht.
Nach 2 Jahren kann sie nichts mehr alleine.
Sie kann nicht mehr sprechen und laufen.
Auch alles andere hat sie verlernt.
Denn niemand hat mit ihr geübt.

Im Oktober 1941 kommt Herta nach Lüne-Burg.
Dort ist ein besonderes Kranken-Haus.
Sie kommt in die Kinder-Fach-Abteilung.
Das ist eine Abteilung nur für Kinder und Jugendliche.

Nach 4 Wochen bekommen die Eltern einen Brief.
Darin steht:
Herta ist krank.
Sie hat Fieber.
Aber das stimmt nicht.

Im Januar 1942 wird Herta wirklich krank.
Sie bekommt ein Medikament.
Und zwar viel zu viel davon.
Mit Absicht.
Sie soll sterben.
Sie stirbt am 3. Februar 1942.

Der Arzt sagt:
Herta stirbt an einer Lungen-Krankheit.
Sie heißt Tuberkulose oder T B C.
Aber auch das stimmt nicht.
Der Arzt lügt.
Herta hat kein T B C.
Es gibt sogar einen Beweis.
2 Mal wird sie unter-sucht.
2 Mal hat sie kein T B C.

Die Wahrheit ist:
Herta ist ein Opfer des Patienten-Mordes.

Sie wird auf dem Fried-Hof der Anstalt beerdigt.
Das ist der Fried-Hof Nord-West.

Viele Jahre später ist eine Pflegerin vor Gericht.
Sie hat Herta das Medikament gegeben.
Sie hat Herta ermordet.
Aber sie sagt:
Ich kann mich an nichts erinnern.
Darum bekommt sie keine Strafe.
Das ist im Jahr 1966.

Nach dem Tod von Herta werden 2 Schwestern geboren:
Das eine Mädchen soll auch Herta heißen.
Weil sie am gleichen Tag geboren ist wie Herta.

Die Tante sagt: Nein!
Gebt dem Kind einen eigenen Namen.
Herta ist ermordet worden.
Ihre Schwester soll davon frei groß werden.

Also bekommt die Schwester den Namen Hanne.
Später erzählt die Tante die ganze Geschichte.
So erfährt Hanne von der Ermordung ihrer Schwester.

Herta Ley ca. Frühjahr 1932

Herta Ley im September 1956; Hanne Herlin

Marianne Begemann

Marianne Begemann wurde am 3. Dezember 1929 in Esens, Kreis Wittmund in Ostfriesland, geboren. Ihr Vater war ursprünglich Domänen-Bauer, arbeitete aber ab 1928 als Arbeiter in einer Molkerei, weil nicht ihm, sondern dem jüngeren Bruder die Domäne übertragen wurde. Die Mutter litt selbst unter einer psychischen Erkrankung und war ab 1934/35 Patientin in verschiedenen Heil- und Pflegeanstalten. Marianne kam als viertes Kind zur Welt und hatte drei Brüder.

Marianne kam bereits im Alter von zwei Jahren in das Kinderheim Wittmund. Sie lernte zwar laufen, sprach aber nicht und benötigte Hilfe beim Essen und Trinken. Bei einer amtsärztlichen Besichtigung des Kinderheimes am 14. Juli 1940 fiel die dann schon elfjährige Marianne auf. Mit der Begründung, dass »die Hausmutter, […] fast gänzlich dadurch in Anspruch genommen wird und für die Betreuung der übrigen Kinder keine genügende Zeit mehr übrig behält« und aufgrund der bevorstehenden Geschlechtsreife, beantragte der Amtsarzt des Gesundheitsamtes Kreis Wittmund pflichtbewusst die Unterbringung von Marianne in den Anstalten der Inneren Mission Rotenburg. Die Mutter lehnte die Unterbringung ab und bemühte sich um eine häusliche Pflege ihres Kindes. Der Vater hingegen erklärte sich mit der Anstalt einverstanden. Der Amtsarzt folgte dem Vater, sodass Marianne im November in den Anstalten der Inneren Mission Rotenburg aufgenommen wurde.

Am 4. Januar 1941 notierte der Rotenburger Ärztliche Direktor Magunna den ersten Eintrag in ihrer Akte: »Sie macht einen völlig blöden Eindruck, zeigt keinerlei Anteilnahme an ihrer Umgebung; […]«. 1941 werden über Marianne nur 14 Worte verloren. Des Weiteren findet sich ein Stempel »Am 9.10.41 verlegt nach Lüneburg«.

Marianne erkrankt – wie die meisten ihrer Rotenburger Mitpatient*innen – wenige Wochen nach ihrer Ankunft in der Lüneburger »Kinderfachabteilung«. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurde Marianne mit dem Medikament Luminal getötet. Der Vater wurde erst eine geraume Zeit nach Ausbruch der Krankheit, am 17. Dezember 1941, über den bedenklichen Gesundheitszustand seiner Tochter informiert. Der Wortlaut ist identisch mit Briefen, die an andere Eltern versandt wurden: »Ihr Kind [Vorname des Kindes] ist seit einigen Tagen hochfieberhaft erkrankt. Bei ihrer allgemeinen Hinfälligkeit ist der Zustand nicht unbedenklich.«

Am 20. Dezember 1941 stirbt Marianne im Alter von zwölf Jahren. Als Todesursache wird »doppelseitige Lungentuberkulose« angegeben. Marianne Begemann wurde kurz danach auf dem Anstaltsfriedhof, dem heutigen Friedhof Nord-West, bestattet. Man machte sich kaum Mühe bei der Dokumentation ihres Grabes. Im Gräberverzeichnis taucht sie als »Marianne Begmann« auf. Auch bei der Sektion nahm man es nicht so genau: Im Sektionsprotokoll wird sie als »Marianne Bergmann« bezeichnet. Nur ein Abgleich der Lebensdaten führt zur Gewissheit, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt, das Kind Marianne Begemann.

Marianne Begemann Familie vor 1914

Yvonne Mennen

Yvonne Mennen wurde am 6. Dezember 1938 in den Niederlanden geboren. Sie war gemeinsam mit ihrer Mutter Ida, einer geborenen Flämin aus Belgien, und zwei Geschwistern aus den Niederlanden geflohen. Zunächst kamen sie in Bienenbüttel in ein Flüchtlingslager der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), wurden dann aber wegen Unsauberkeit, Streitlust und angeblicher Geisteskrankheit in einer Armenunterkunft bei Familie Werner, Hausnummer 95, untergebracht. Schließlich wies man der Familie nur den Stall zu. Währenddessen war der Vater, Kanonier Hinderk Mennen, nach jahrelanger Staatenlosigkeit als Soldat im Kriegseinsatz und hatte hierdurch die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt.

Ida Mennen gebar insgesamt elf Kinder, von denen fünf verstorben und drei in einem Kinderheim untergebracht gewesen sein sollen. Die zweieinhalbjährige Schwester und der achtjährige Bruder von Yvonne Mennen, die gemeinsam mit der Mutter aus den Niederlanden geflüchtet waren, seien dann wegen Krätze im Hilfskrankenhaus in Uelzen untergebracht worden und sollten nach ihrer Genesung in ein NSV-Kinderheim kommen, so gab eine niederländische NSV-Helferin bei der ärztlichen Begutachtung Auskunft.

Die Mutter habe ihre Kinder geschlagen und sie stundenlang halbnackt im kalten Raum allein gelassen, auch soll sie gedroht haben mit ihren Kindern »ins Wasser« zu gehen, also sich selbst und ihnen das Leben zu nehmen. Daraufhin diagnostizierte Dr. Sinn, Arzt in einer Privatklinik in der Bahnhofstraße 6 in Bad Bevensen, bei dem eine Elisabeth Wolter aus Bienenbüttel zuvor Meldung über die Familie Mennen gemacht hatte, dass bei der Mutter eine Psychopathie (Persönlichkeitsstörung) und bei Yvonne »schwere Debilität (Kind braucht dauernd Aufsicht)« vorliege.

Doktor Sinn wies beide in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg ein. Am 25. Oktober 1944 erfolgte die Aufnahme. Bereits vier Wochen später, am 26. November 1944, starb Yvonne Mennen im Alter von fast sechs Jahren. Die offizielle Todesursache lautete »Dickdarmkatarrh«. Sie wurde auf dem Kindergräberfeld bestattet. Ihre Mutter wurde am 2. März 1945 »gebessert entlassen«.

Yvonne Mennen ist 1938 in den Nieder-Landen geboren.
Das ist ein Nachbar-Land von Deutsch-Land.
Sie hat 10 Geschwister.
5 sterben.

Ihre Mutter Ida ist Haus-Frau.
Sie hat kein Geld.
Der Vater ist ohne Arbeit.
Er hat keine Staats-Bürgerschaft.
Er darf nicht in Holl-Land leben.
Er ist ohne Rechte.
Deswegen leben 3 Kinder in einem Kinder-Heim.

Der Vater Hinderk Mennen wird Soldat.
Dafür bekommt er Rechte.
Er darf in Deutsch-Land leben.
Aber er muss im Krieg kämpfen.
Darum kann er seiner Frau nicht helfen.

Der Krieg kommt auch in die Nieder-Lande.
Es fallen viele Bomben.
Es wird gefährlich.
Die Mutter muss mit den Kindern flüchten.
Sie muss weg-gehen.
Damit die Bomben sie nicht treffen.

Sie geht mit den Kindern nach Deutsch-Land.
Sie denkt:
Da ist mein Mann Hinderk.
Ich will zu ihm.
Aber sie finden ihn nicht.
Und sie finden kein neues Zu-hause.
Sie müssen in ein Flüchtlings-Lager.
Aber da können sie nicht bleiben.

Sie müssen in einem Stall wohnen.
Da gibt es keine Möbel.
Da gibt es kein frisches Wasser.
Da kann man sich nicht waschen.
Sie sind sehr arm.
Die Mutter ist verzweifelt.
Sie will nicht mehr leben.

Die Geschwister von Yvonne werden krank.
Sie bekommen eine Haut-Krankheit.
Sie müssen in ein Kranken-Haus.
Da ist ihre Schwester 2 Jahre alt.
Und ihr Bruder ist 8 Jahre alt.

Die Familie wird gemeldet.
Ein Arzt untersucht die Mutter und Yvonne.
Er entscheidet:
Die Mutter hat eine seelische Erkrankung.
Sie muss in eine Anstalt.
Eine Anstalt ist ein besonderes Kranken-Haus.
Yvonne hat eine Behinderung.
Sie muss auch in eine Anstalt.
Das ist im Oktober 1944.
Da ist Yvonne 5 Jahre alt.

Yvonne und ihre Mutter kommen in die Anstalt nach Lüne-Burg.
Yvonne kommt in die Kinder-Fach-Abteilung.
Sie wird von ihrer Mutter getrennt.
Sie dürfen sich nicht besuchen.

4 Wochen später ist Yvonne tot.
Sie wird ermordet.
Sie stirbt am 26. November 1944.
Sie ist ein Opfer vom Patienten-Mord.

Ihre Mutter über-lebt.
Sie wird gesund.
Sie darf im März 1945 aus der Anstalt raus.

»Kinderfachabteilung« Lüneburg

Die Einrichtung der »Kinderfachabteilung« der Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg fällt in die zweite Phase der »Kinder-Euthanasie«. Anfang Oktober 1941 wurde die »Kinderfachabteilung« unter ärztlicher Leitung von Dr. Willi Baumert eingerichtet. Die ersten nach Lüneburg verlegten Kinder waren 138 Kinder und Jugendliche aus den Rotenburger Anstalten der Inneren Mission. 88 Prozent von ihnen starben, überwiegend in den Jahren 1942 und 1943. Nur neun Jungen und sieben Mädchen überlebten.

Baumert »untersuchte« die über den »Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden« oder über Kinder- und Haus- wie Amtsärzte direkt eingewiesenen Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen und normenabweichendem Verhalten. Bei schlechter Prognose veranlasste er ihre Ermordung mit Medikamenten oder durch Nahrungsentzug (»Hungerkost«). Zudem gibt es Hinweise darauf, dass es auch Arzneimittelerprobungen gegeben hat.

In die Lüneburger »Kinderfachabteilung« wurden bis August 1945 mindestens 737 Kinder und Jugendliche eingewiesen. Unter ihnen befanden sich 35 Geschwisterkinder. Untergebracht war die Abteilung in drei zweigeschossigen Gebäuden. In Haus 25 waren Jungen (im Erdgeschoss) und Mädchen (im Obergeschoss) untergebracht. In Haus 23 kamen nur Jungen. 1944 wurde auch das Haus 24 mitgenutzt. Die Kinder und Jugendlichen wurden von 21 Pflegekräften beaufsichtigt. Bis 1943 war Willi Baumert nur in Teilzeit nach Lüneburg abgeordnet. Bis September 1944 übte er seine ärztliche Tätigkeit in Vollzeit aus. Nach Baumerts Wiedereinberufung in die Wehrmacht übernahm Max Bräuner die ärztliche Leitung der »Kinderfachabteilung«.

Die für schulfähig befundenen Kinder und Jugendlichen (über 100) wurden nach Lemgo in eine Einrichtung der Stiftung Eben-Ezer weiterverlegt. Rund 70 Prozent der verbliebenen Patient*innen wurden ermordet. Anschließend wurden die Leichen von Baumert bzw. Bräuner zu Forschungszwecken seziert, entnommene Gehirne gab die Anstalt an die Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf ab.

Das Einzugsgebiet der Lüneburger »Kinderfachabteilung« erstreckte sich nicht nur über Niedersachsen, sondern reichte auch bis nach Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Bremen und Bremerhaven. Nach Auflösung der »Kinderfachabteilung« Waldniel in der Nähe von Düsseldorf wurden auch diese Kinder nach Lüneburg verlegt.

Mindestens 425 Kinder und Jugendliche überlebten den Aufenthalt in der Lüneburger Anstalt nicht. Bei 61 weiteren Kindern und Jugendlichen ist unklar, ob sie überlebten. Unter den ermordeten Kindern und Jugendlichen befinden sich auch Kinder mit Romno-Hintergrund sowie Kinder und Jugendliche aus den Niederlanden und Belgien.

Über 300 Kinderleichen wurden auf dem Anstaltsfriedhof, vorwiegend auf einem »Kindergräberfeld« bestattet, vier Kindergräber sind dort heute noch erhalten. Ein Kindergrab liegt auf dem Lüneburger Zentralfriedhof.

Die letzte Aufnahme in die »Kinderfachabteilung« Lüneburg erfolgte am 13. August 1945. Nach der Suspendierung von Max Bräuner übernahm sein Nachfolger Dr. Rudolf Redepenning die Leitung. Die »Kinderfachabteilung« wurde in »Kinderabteilung« umbenannt. Die Bedingungen der Unterbringung und Versorgung änderten sich erst allmählich, sodass das Hungersterben in der ehemaligen »Kinderfachabteilung« noch bis in den Herbst 1945 andauerte.

Kinder-Fach-Abteilung Lüne-Burg

Die Kinder-Fach-Abteilung ist eine Kinder-Station.
Sie ist einem besonderen Kranken-Haus.
Dort werden Kinder mit Behinderungen untersucht und behandelt.
Und Kinder die sich anders verhalten.

Die Kinder-Fach-Abteilung Lüneburg gibt es ab 1941.
In der Zeit des National-Sozialismus.
Die Ärzte sind Max Bräuner und Willi Baumert.
Max Bräuner ist Direktor des Kranken-Hauses.
Willi Baumert ist der Arzt auf der Kinder-Station.
Die Kinder-Fach-Abteilung ist groß.
Sie ist in 3 Häusern unter-gebracht.
In Haus 23, 24 und 25.
21 Pflegerinnen passen auf die Kinder auf.

Am Anfang kommen 138 Kinder aus einem Heim in Roten-Burg.
Das ist eine Stadt in Nieder-Sachsen.
Sie werden Patienten in der Kinder-Fach-Abteilung.
Sie werden untersucht und beobachtet.
Der Arzt Willi Baumert entscheidet:
Dieses Kind darf leben.
Denn es ist schlau.
Es darf auf eine Schule für Kinder mit Behinderungen gehen.
Oder Willi Baumert entscheidet:
Dieses Kind muss sterben.
Denn es ist dumm.
Es gibt keine Entwicklung.

Bei dieser Entscheidung helfen 3 Ärzte.
Sie sind nicht in Lüne-Burg.
Sie sind in Berlin.
Sie nennen sich »Reichs-Aus-Schuss«.
Sie lernen die Kinder gar nicht kennen.
Die Ärzte gucken sich nur Berichte an.
Trotzdem entscheiden sie über das Leben und den Tod der Kinder.

Willi Baumert entscheidet oft:
Dieses Kind muss sterben.
Von den Kindern aus Roten-Burg sterben fast alle.
Bis auf 9 Jungen und 7 Mädchen.

737 Kinder kommen insgesamt in die Kinder-Fach-Abteilung.
Mehr als 425 werden ermordet.

Die Pflegerinnen machen mit.
Sie geben den Kindern ein Medikament.
Die Kinder bekommen zu viel von dem Medikament.
Das ist tödlich.
Sie werden krank und sterben.

Oft bekommen die Kinder auch zu wenig essen.
Dann verhungern die Kinder.
Manchmal macht der Arzt Versuche mit den Kindern.
Er gibt ihnen nicht erlaubte Medikamente.
Die Kinder sind Opfer vom Patienten-Mord.

Nach dem Mord nehmen die Ärzte das Gehirn aus dem Kinder-Kopf.
Sie unter-suchen es.
Sie wollen wissen:
Warum hat das Kind eine Behinderung.
Sie wollen wissen:
Wie sieht das Gehirn aus.

Hier kommen die Kinder-Opfer her:
Nieder-Sachsen.
Hamburg.
Bremen.
Bremer-Haven.
Nord-Rhein-West-Falen.

Es gibt auch Kinder aus Belgien und den Nieder-Landen.
Das sind Nachbar-Länder von Deutsch-Land.

Über 300 Kinder werden in Lüne-Burg beerdigt.
Auf dem Fried-Hof des besonderen Kranken-Hauses.
4 Gräber sind noch da.
1 Kinder-Grab ist auf einem anderen Fried-Hof in Lüne-Burg.
Es ist auch noch da.

Im April 1945 ist der Krieg in Lüne-Burg aus.
Der National-Sozialismus ist zu Ende.
Aber die Kinder-Fach-Abteilung gibt es weiter.
Im August 1945 nehmen sie noch ein Kind auf.

Im Herbst 1945 sterben immer noch Kinder.

»Kinderfachabteilung« Lüneburg