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Anna Wichern

Anna Wichern wurde am 10. Februar 1896 in Ostervesede im Kreis Rotenburg geboren. Sie war die älteste Tochter von Johann und Anna Wichern, geborene Peters und hatte fünf jüngere Geschwister. Der Vater bewirtschaftete eine eigene Landwirtschaft. Die Familie war sehr fromm.

Anna erkrankte wohl im Jahr 1915 im Alter von 19 Jahren an einer Melancholie. Der Familie war Annas Gefühlszustand nicht unbekannt, denn auch Annas Vater Johann war an einer Melancholie erkrankt. Im Unterschied zu ihrem Vater wurde sie im August 1916 Anstaltspatientin in Lüneburg. Fünf Monate später, am 29. Januar 1917, wurde sie »gebessert entlassen«. Im Dezember 1918 erkrankte sie erneut. Anfang 1919 wurde sie in die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission aufgenommen, von dort kam sie im April 1919 ein zweites Mal in die Lüneburger Heil- und Pflegeanstalt. Seit diesem Aufenthalt betete die Mutter so häufig für die Genesung ihrer Tochter, dass sich auf dem Fußboden des Dachbodens, auf dem sie kniete, Abdrücke abzeichneten. Kurz vor ihrem 24. Geburtstag wurde Anna tatsächlich erneut gebessert nach Hause entlassen.

Am 31. Dezember 1925 wurde Anna Wichern ein drittes Mal in die Lüneburger Anstalt eingewiesen. Diesmal blieb sie bis zu ihrer Verlegung in die »Aktion T4« am 30. April 1941. Obwohl ihre Eltern jeden Aufenthalt mit eigenem Geld bezahlten und Anna somit nicht dem öffentlichen Gesundheitswesen zur Last fiel, wurde sie selektiert. Es besteht zudem eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Eintrag »Schizophrenie« auf ihrem Charakteristikbogen erst im Zusammenhang mit der Meldung an die»T4«-Zentrale erfolgte. Dass diese Diagnose dem tatsächlichen Krankheitsbild von Anna entsprach, kann bezweifelt werden. Sie wurde am 16. Juni 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar vergast.

Annas Mutter erfuhr von der »planwirtschaftlichen Verlegung« drei Tage, nachdem ihre Tochter bereits tot war. Am 27. Juni 1941 erhielt sie die Mitteilung, dass ihre Tochter Anna »unerwartet infolge einer Pneumonie« gestorben sei. Dieser »Trostbrief« und die Sterbeurkunde von Anna sind bis heute in der Familie erhalten geblieben. Ihre Mutter ahnte, dass Anna ermordet worden war.

Anna Wichern ist im Jahr 1896 geboren.
Sie kommt aus Oster-Vesede.
Das ist ein Ort bei Roten-Burg.
Sie hat 5 jüngere Geschwister.
Ihre Eltern sind Bauern.
Sie haben einen eigenen Bauern-Hof.

Dann ist Anna 19 Jahre alt.
Sie ist ohne Grund traurig.
Und sie weint sehr viel.
Und sie will nicht mehr leben.
Sie hat eine seelische Erkrankung.

Die Familie kennt das.
Der Vater von Anna hat auch diese Erkrankung.
Er ist auch oft grundlos traurig.
Weint viel und will nicht mehr leben.

In den Jahren 1916 und 1919 wird sie Patientin.
In einer Anstalt in Lüne-Burg.
Das ist ein besonderes Kranken-Haus.

Die Mutter betet zu Gott.
Sie betet:
Mach dass Anna wieder gesund wird.
Mach dass sie wieder glücklich wird.

.
Sie betet meistens auf den Knien.
Der Fuß-Boden geht kaputt davon.
So oft betet die Mutter.

Dann wird Anna gesund.
Sie kommt wieder nach Hause.
5 Jahre bleibt Anna gesund.

Dann wird sie wieder krank.
Es ist schlimm.
Ihr geht es sehr schlecht.
Sie weint viel und will nicht mehr leben.
Also kommt sie wieder in die Anstalt
Nach Lüne-Burg.
Diesmal wird sie nicht so schnell gesund.

Im Jahr 1941 wird sie verlegt.
Sie wird ermordet.
In der Aktion T4.
In dieser Aktion werden viele Menschen ermordet.
Das ist am 16. Juni 1941.
In der Tötungs-Anstalt Hadamar.

Ihre Mutter bekommt einen Brief.
Darin steht:
Anna ist verlegt worden.
Weil Krieg ist.

Aber das stimmt nicht.
Sie wird verlegt weil man sie ermorden will.
Als der Brief ankommt ist Anna schon tot.

Dann kommt ein zweiter Brief.
Darin steht:
Anna ist gestorben.
An einer Lungen-Entzündung.

Das ist auch gelogen.
Anna ist vergast worden.
In der Tötungs-Anstalt Hadamar.
Sie ist ein Opfer vom Patienten-Mord.

Die Mutter von Anna ahnt das.
Darum behält sie den Brief.
Es ist ein Beweis:
Anna ist ermordet worden.
In der Aktion T4.

Anna Wichern, Sterbeurkunde, 27.6.1941

Anna Wichern, Mitteilung aus Hadamar, 1941

Lüneburger Beteiligung an der »Aktion T4«

Anfang 1941 waren in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg insgesamt rund 1.200 Patientinnen untergebracht. Die Anstalt war in eine Heil- und in eine Pflegeanstalt geteilt. Nahezu jeder zweiter Patientin der Pflegeanstalt wurde Opfer der »Aktion T4«.

Am 7. März 1941 wurden mindestens 123 männliche Patienten aus der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein »planwirtschaftlich verlegt«. Die Verlegung erfolgte ohne eine Unterbringung in einer Zwischenanstalt. Die Patienten wurden sofort nach ihrer Ankunft ermordet.

Am 9., 23. und 30. April 1941 wurden mindestens 352 Patient*innen aus der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg über die Zwischenanstalt Herborn in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt. Die Verlegung am 9. April 1941 betraf nur Frauen, es waren 131.

Die erste Verlegung wurde von Personal der »T4«-Zentrale begleitet. Die folgenden Verlegungen wurden mit Personal der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg durchgeführt. Die Patientinnen wurden zu Fuß durch die Stadt zum Lüneburger Bahnhof geführt. Dort wurden ihnen zwei Waggons zugewiesen, die man zu diesem Zweck an die regulären Personenzüge angekoppelt hatte. Am Zielbahnhof angekommen, wurden die Patientinnen mit Bussen weiterbefördert.

Insgesamt wurden 475 Lüneburger Patient*innen auf diese Weise in die »Aktion T4« verlegt. Es gab nach aktuellem Forschungsstand nur zwei Überlebende.

Die hohe Opferzahl stand in direktem Zusammenhang mit 475 Patient*innen, die ab März aus der Hamburger Anstalt-Langenhorn nach Lüneburg verlegt wurden. Um für sie die geforderten Bettenkapazitäten zu schaffen, wurden die Verlegungslisten der »T4«-Zentrale nach oben korrigiert. Hierfür wurden die Verweildauer in einer Anstalt ignoriert und Diagnosen in den Krankengeschichten und Charakteristiken gefälscht, sodass die Kriterien für eine »planwirtschaftliche Verlegung« offiziell erfüllt wurden. Verantwortlich hierfür waren sowohl der Ärztliche Direktor Dr. Max Bräuner als auch sein Stellvertreter Dr. Rudolf Redepenning.

Die Lüneburger Patient*innen wurden am 7. / 8. März, am 12. Mai, am 21. Mai, am 28. Mai, am 16. Juni sowie am 16. Juli 1941 ermordet. Sie gehören zu den letzten Opfern der »Aktion T4«, die im August 1941 eingestellt wurde.

Lüne-Burger »Aktion T4«

Es gibt ein besonderes Kranken-Haus in Lüne-Burg.
Es ist eine Anstalt.
Da gibt es 1 Tausend und 2 Hundert Patienten.
Das ist im Jahr 1941.

475 Patienten werden verlegt.
In die Aktion T4.
Das ist eine Aktion in der Patienten getötet werden.
Nur 2 Menschen über-leben.
Alle anderen werden ermordet.

Im März 1941 werden 123 Männer aus Lüne-Burg weg-gebracht.
In die Tötungs-Anstalt Pirna-Sonnen-Stein.
Sie kommen an und werden ermordet.
Am gleichen Tag.
In einer Gas-Kammer.

Im April 1941 werden 352 Patienten verlegt.
Jetzt sind es Männer und Frauen.
Die Patienten laufen zu Fuß zum Bahn-Hof.
Einmal durch die Stadt.
Am Bahn-Hof steigen die Patienten in einen Zug.

Sie kommen in die Anstalt Herborn.
Das ist eine Zwischen-Anstalt.
Da machen die Patienten nur wenige Wochen Stopp.
Dann geht es weiter in die Tötungs-Anstalt Hadamar.
Dort werden alle bis auf einen ermordet.
In der Gas-Kammer.
Sie sind Opfer des Patienten-Mordes.

Sie sterben im Mai im Juni und im Juli.
Sie sind die letzten Opfer der Aktion T4.
Die Aktion stoppt im August im Jahr 1941.
Kurz nachdem die letzten Lüne-Burger Patienten sterben.

In Lüne-Burg gibt es 2 Ärzte die mit-machen.
Es ist Max Bräuner.
Er leitet die Anstalt in Lüne-Burg.
Er will besonders viele Patienten weg-schicken.
Er braucht ihre Betten.
Für neue Patienten aus Hamburg.

Und es ist der Arzt Rudolf Redepenning.
Er fälscht die Patienten-Papiere.
Er streicht die richtige Erkrankung durch.
Und er schreibt eine viel schlimmere hin.
Damit der Patient in die Tötungs-Anstalt kommt.
Darum gibt es so viele Opfer aus Lüne-Burg.

Christine Sauerbrey

Christine Sauerbrey, geborene Behrens, wurde am 24. September 1889 in Gröpelingen, ein Teil von Bremen, als eines von insgesamt acht Kindern geboren. Ihre Eltern waren der Schneidermeister Johann Dietrich Behrens und Adelheit Behrens, geborene Behnken. Im April 1903 beendete Christine mit 13 Jahren die Volksschule. Sie trat in die Fußstapfen ihres Vaters und erlernte den Beruf der Schneiderin.

Mit 17 Jahren lernte sie ihren Ehemann Johann Sauerbrey kennen – wahrscheinlich bei der Weser AG, wo er als Dreher arbeitete und sie turnte. Als Christine 18 Jahre alt war, heirateten sie gegen den Willen der Eltern. Johann war in ihren Augen nicht standesgemäß und noch dazu im linken Flügel der SPD aktiv. Zwischen 1908 und 1912 bekamen sie vier gemeinsame Töchter. Ab 1916 radikalisierte sich Johann, 1918 beteiligte er sich an der Novemberrevolution. Als die Räterepublik blutig niedergeschlagen wurde, setzte sich Johann nach Moskau ab, um einer Verhaftung zu entgehen.

Weil Johann als »Republikfeind« polizeilich gesucht wurde, wurde Christine mehrfach polizeilich verhört und in Schutzhaft genommen. Zugleich musste sie allein für die vier Töchter sorgen.

1924, ihre Töchter waren zwischen elf und 16 Jahre alt, Johann war mittlerweile aus Moskau geläutert zurückgekehrt, wurde sie erstmals Patientin im St. Jürgens Asyl für Geistes- und Nervenkranke in Ellen bei Bremen. Dort diagnostizierten die Ärzte eine »Schizophrenie«. Mit der Erkrankung zerbrach die Ehe. Im Januar 1929 wurde die Ehe zwischen Christine und Johann geschieden.

Im Mai 1931 wurde Christine in die Lippische Landes- Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus in Lemgo-Brake verlegt. In der Patientenakte steht, im »Lindenhaus« sei es Christine zwar körperlich gut gegangen, jedoch habe sich ihre Grunderkrankung nicht gebessert, sodass sie am 31. Oktober 1933 wieder in die Bremer Nervenklinik in Ellen zurückverlegt wurde. Im November 1938 wurde sie von dort nach Lüneburg verlegt.

Christine Sauerbrey verbrachte nicht einmal drei Jahre in der Landes- Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg. Sie wurde am 30. April 1941 nach Herborn verlegt. Am 16. Juni 1941 wurde sie in die Tötungsanstalt Hadamar weiterverlegt und am gleichen Tag ermordet. Den vier Töchtern teilte die Landes- Heil- und Pflegeanstalt Hadamar mit, Christine sei offiziell am 30. Juni 1941 an einer
Typhus-Erkrankung gestorben. Die Familie ließ die Urne mit der vermeintlichen Asche von Christine nach Bremen überführen. Sie wurde auf dem Hauptfriedhof beigesetzt, das Grab sei inzwischen aufgelassen.

Am 11. Oktober 2013 wurde vor dem Wohnhaus von Christine Sauerbrey in der Karl-Bröger-Straße 15 in Bremen, der damaligen Farger Straße 15, ein Stolperstein für Christine Sauerbrey verlegt. Die Initiative ging von den Nachfahren aus. An der kleinen Gedenkstunde nahmen auch drei Ur-Großkinder von Christine teil.

Christine Sauerbrey ist im Jahr 1889 in Gröpelingen geboren.
Das ist ein Teil von Bremen.
Sie hat 7 Geschwister.
Ihr Vater ist Schneider-Meister.
Sie macht einen Volks-Schul-Abschluss.
Dann lernt sie Schneiderin.
Bei ihrem Vater.
Da ist sie 13 Jahre alt.

Dann ist sie 17 Jahre alt.
Sie turnt.
Das macht sie bei einer Firma.
Bei der Firma arbeitet auch Johann.
Sie lernen sich kennen.
Sie verlieben sich und heiraten.
Sie bekommen 4 Töchter.
Da ist Christine erst 22 Jahre alt.

Die Eltern von Christine finden das nicht gut.
Sie sagen:
Du bist zu jung.
Johann passt nicht zu dir.
Er hat auch eine andere politische Meinung.
Er kämpft für Arbeiter-Rechte.
Er kämpft gegen Armut.
Er kämpft gegen Reiche.

Und er macht das auch mit Waffen und mit Gewalt.
Das ist im Jahr 1918.
Das ist die November-Revolution.

Alle die mitmachen werden verhaftet.
Johann kommt nicht ins Gefängnis.
Er versteckt sich in Moskau.
Das ist die Haupt-Stadt von Russ-Land.

Christine ist ganz allein mit den 4 Kindern.
Und sie wird verhaftet.
Die Polizei will wissen:
Wo hat sich Johann versteckt?
Christine ist viele Wochen in Schutz-Haft.
Das ist ein Gefängnis-Aufenthalt ohne Gerichts-Urteil.

Christine bricht zusammen.
Sie schafft das alles nicht mehr.
Sie hat keine Kraft und wird krank.

Sie kommt in ein besonderes Kranken-Haus.
In eine Nerven-Klinik in Bremen.
Das ist im Jahr 1924.
Der Arzt sagt:
Christine hat Realitäts-Verlust.
Johann kommt aus Moskau zurück.
Er will sich nicht um Christine kümmern.
Er reicht die Scheidung ein.

Sie kommt in eine andere Anstalt.
2 Jahre später kommt sie wieder zurück.
In die Nerven-Klinik Bremen.
Aber da kann sie nicht bleiben.
Im Jahr 1939 kommt sie in die Anstalt nach Lüne-Burg.

Sie ist nur 3 Jahre in Lüne-Burg.
1941 wird sie verlegt.
In die Aktion T4.
Sie wird am 16. Juni 1941 vergast.
Sie ist ein Opfer vom Patienten-Mord.

Ihre 4 Töchter bekommen einen Brief.
Darin steht:
Christine Sauerbrey ist an einer Körper-Schwäche gestorben.
Das ist eine Lüge.
Sie wurde ermordet.

Die Töchter wollen die Asche von Christine beerdigen.
Sie wird in einer Urne nach Bremen geschickt.
Sie wird auf dem Haupt-Fried-Hof beerdigt.

Im Jahr 2013 bekommt Christine einen Stolper-Stein.
Er liegt in Bremen vor ihrem Wohn-Haus.
Die Enkel wollen das.
Es war ihr Wunsch.
Es gibt eine Gedenk-Feier.
Da sind auch die Ur-Enkel dabei.
Christine soll nicht vergessen werden.

Christine Sauerbrey im Turndress der AG Weser

Christine Sauerbrey Porträtfoto

»Aktion T4«

Die zentrale, planmäßig gesteuerte Ermordung von erwachsenen Psychiatriepatient*innen begann im Jahr 1940 nach Einführung der Meldepflicht und der Einrichtung von Tötungsanstalten. Diese Anstalten waren zwischen 1940 und 1941 Brandenburg an der Havel, Bernburg, Grafeneck, Hadamar, Hartheim und Pirna-Sonnenstein. Die der Kanzlei des Führers direkt unterstellte Verwaltungszentrale hatte bis März 1945 ihren Sitz in einer Villa in der Berliner Tiergartenstraße 4, weshalb heute von der »Aktion T4« gesprochen wird.

Grundlage für die Planung und Durchführung war die Ermächtigung, die Anfang Oktober 1939 von Adolf Hitler verfasst und auf den Tag des Kriegsbeginns am 1. September 1939 zurückdatiert wurde. Darin wurden der Leiter der Kanzlei des Führers, Philipp Bouhler, und Hitlers chirurgischer Leibarzt Karl Brandt ermächtigt, ausgewählten Ärzt*innen die Tötung von Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen zu erlauben.

In der Tiergartenstraße 4 wurde eine zentrale Dienststelle eingerichtet, die in vier Abteilungen gegliedert die Erfassung, Deportation, Tötung und kostenmäßige Abwicklung von Patientinnen sowie das dafür erforderliche Personalwesen organisierte. Heil- und Pflegeanstalten wurden aufgefordert, Patientinnen mit Hilfe von Meldebögen an die »T4«-Zentrale zu melden.

Rund 40 ärztliche Gutachterinnen entschieden anhand der Meldebögen, ob ein/e Patientin ermordet werden sollte oder nicht. Mit einem roten Plus- oder einem blauen Minuszeichen wurde auf dem Bogen entsprechend gekennzeichnet, wer ermordet werden sollte. Auf dieser Basis wurden Verlegungslisten erstellt. Die Anstaltsärzt*innen konnten diese Listen ergänzen oder kürzen.

Die Deportation von Patientinnen in die Tötungsanstalten wurde als »planwirtschaftliche Verlegung« bezeichnet und durch die Einbeziehung sogenannter »Zwischenanstalten« verschleiert. Durch sie konnten die einzelnen Verlegungstransporte zudem besser aufeinander abgestimmt werden. Für die Transporte der Patientinnen in die Tötungsanstalten kamen Reichspost-Busse zum Einsatz, die zu Beginn der »Aktion T4« noch keine graue Tarnfarbe trugen. Häufig wurden die Verlegungen vom Anstaltspersonal begleitet.

Die Angehörigen wurden in der Regel erst dann über die »planwirtschaftliche Verlegung« informiert, wenn die Patient*innen bereits tot waren. Der ihnen mitgeteilte offizielle Todestag wurde gefälscht und nach hinten verlegt, um noch Pflegegeld zwischen tatsächlichem Todestag und offiziellem Sterbedatum abrechnen zu können. Hierdurch finanzierte sich die »Aktion T4« und wurden Personal- und Sachkosten bestritten.

Insgesamt fielen 1940 bis 1941 im Rahmen der »Aktion T4« mehr als 70.000 Psychiatriepatient*innen dem Gas-Mord zum Opfer. Die »Aktion T4« endete offiziell im August 1941 durch mündliche Anordnung von Hitler an Bouhler.

Doch mit dem offiziellen Ende der »Aktion T4« endeten die Morde an Psychiatriepatient*innen nicht. Die »Euthanasie«-Maßnahmen wurden als »geheime Reichssache« fortgeführt. Im Rahmen der sogenannten »Sonderbehandlung 14f13« wurden in den Tötungsanstalten Bernburg, Pirna-Sonnenstein und Hartheim Konzentrationslager-Häftlinge ermordet. Außerdem erfolgten bis Kriegsende und darüber hinaus in der sogenannten »dezentralen Euthanasie« hunderttausend Morde durch Medikamente und Mangelversorgung.

Die Villa in der Tiergartenstraße 4 wurde im Frühjahr 1945 durch eine Bombe nahezu vollständig zerstört.

Der Name Aktion T4 steht für:
Mord an Menschen mit Behinderungen.
Mord an Menschen mit einer seelischen Erkrankung.
In der Zeit des National-Sozialismus.
In den Jahren 1940 und 1941.

T4 steht für Tier-Garten-Straße 4.
Das ist eine Adresse in Berlin.
Da gibt es eine Villa.
Da gibt es ein Amt.
Es nennt sich Zentrale.
T4-Zentrale.

Dort arbeiten Menschen.
Diese Menschen entscheiden:
Dieser Mensch mit Behinderung darf leben.
Dieser Mensch mit Behinderung muss sterben.
Er darf ermordet werden.
Das entscheiden die Menschen auch über seelisch Erkrankte.

In der T4-Zentrale wird der Mord geplant.
Und dort werden die Mörder eingestellt.
Und bezahlt.

Ab Herbst 1939 gibt es die Melde-Pflicht.
Alle Melde-Bögen kommen in die T4-Zentrale.
Über 40 Mitarbeiter gucken die Bögen an.
Sie machen ein Zeichen.
Ein rotes Plus-Zeichen sagt:
Der Mensch darf ermordet werden.
Ein blaues Minus-Zeichen sagt:
Der Mensch darf weiter- leben.

Insgesamt werden über 70 Tausend ermordet.
Das passiert in Tötungs-Anstalten.
Das sind besondere Kranken-Häuser.
Mit einer Gas-Kammer.
Das ist ein Keller-Raum.
Er sieht aus wie ein Dusch-Raum.
Aber es kommt kein Wasser.
Statt Wasser kommt Gas.
Alle Menschen in der Gas-Kammer ersticken.
Sie sind Opfer vom Patienten-Mord.

Es gibt 6 Tötungs-Anstalten:
Branden-Burg
Bern-Burg
Grafen-Eck
Hadamar
Hart-Heim
Pirna-Sonnen-Stein.

Die Opfer kommen mit dem Bus in die Tötungs-Anstalten.
Am Anfang ist der Bus rot.
Später ist der Bus grau.
Damit man ihn nicht mehr so einfach sehen kann.
Zum Beispiel auf Fotos.

Die Pfleger sind oft mit dabei.
Manchmal fahren die Opfer nicht direkt in die Tötungs-Anstalt.
Sie machen einen Stopp.
In einer anderen Anstalt.
Sie sind dann in einer Zwischen-Anstalt.
Weil in den Tötungs-Anstalten oft zu viele Patienten sind.

Die Familien der Opfer wissen von nichts.
Es ist alles geheim.
Die Familien bekommen viel zu spät einen Brief.
Darin steht:
Der Patient ist verlegt worden.
Bitte besuchen sie ihn nicht.
Bitte schreiben sie ihm nicht.

Da ist der Patient schon tot.
Da ist er schon ermordet worden.

Dann bekommt die Familie wieder einen Brief.
Darin steht:
Der Patient ist gestorben.
Und es steht ein falscher Todes-Tag im Brief.
In Wahrheit ist er 2 oder 3 Wochen früher gestorben.

Das ist Absicht.
Die T4-Zentrale tut so also ob der Patient noch lebt.
Sie will das Pflege-Geld für die 2 bis 3 Wochen bekommen.
Damit wird die ganze Aktion T4 bezahlt.

70 Tausend Patienten werden mit Gas ermordet.
Bis August 1941.
Dann stoppt der Patienten-Mord mit Gas.

Die Gas-Kammern werden aber weiter benutzt.
Für Häftlinge aus Konzentrations-Lagern.
Und auch Patienten werden weiter ermordet.
Jetzt aber mit Medikamenten.
Oder sie verhungern.
Das geht noch bis in das Jahr 1945.
200 Tausend Menschen sterben so.

In der Villa in der Tier-Garten-Straße 4 wird weiter- gearbeitet.
Bis Früh-Jahr 1945.
Dann fällt eine Bombe auf die Villa.

Aktion T4 Bus Stiftung Liebenau

Elsa Spartz

Elsa Spartz, geborene Mehling wurde am 8. Juni 1889 in Würzburg geboren. Sie wuchs mit drei jüngeren Brüdern auf. Über ihre ersten 18 Lebensjahre ist nichts bekannt. Elsa lernte zwischen 1907 und 1911 ihren späteren Ehemann Heinrich Spartz kennen. Er kam ursprünglich aus Lahr in der Eifel, hatte an den Universitäten Berlin, München und Würzburg studiert und promovierte im Jahr 1913 zum Doktor der Medizin. Sie verlobten sich 1911, wollten aber erst nach seiner Approbation (1912) und nach Abschluss seiner Promotion (1913) heiraten. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs durchkreuzte diese Pläne. Nach Heinrich Spartz Entlassung aus dem Kriegsdienst im März 1919 fand er eine Anstellung als Oberarzt im Hamburger Marienkrankenhaus. Elsa folgte ihm nach Hamburg und sie heirateten. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, Karl Heinz (geboren 1920) und Felicitas (geboren 1922).

Sechs Jahre später erkrankte Elsa, ihr Mann war inzwischen Ärztlicher Direktor am katholischen Mariahilf-Krankenhaus in Hamburg-Harburg. Am 12. Mai 1928 wies Heinrich Spartz sie erstmals in das Sanatorium Rockwinkel bei Bremen ein. Anlass waren eine innere Unruhe, Halluzinationen und das Hören von Stimmen. Es wurde eine »Schizophrenie« diagnostiziert. Den spärlichen Unterlagen ihrer Krankenakte ist zu entnehmen, dass ihr erster Aufenthalt von Ängsten geprägt war.

Am 19. September 1930 floh Elsa Spartz während eines Spaziergangs und kehrte nach Hause zu Heinrich und ihren Kindern zurück. Sie verkaufte ihre Haarnadel, um an Geld für eine Fahrt nach Hause zu kommen. Heinrich Spartz ließ sie jedoch per Taxi direkt wieder zurückbringen. Nach vier Jahren Sanatoriums-Aufenthalt wurde Elsa im Jahr 1932 in ein Tochterhaus verlegt. Auf ihren Wunsch hin wurde sie nach zehn Tagen probeweise zu ihrem Mann und den Kindern entlassen. Drei Tage später wies Heinrich Spartz Elsa ein zweites Mal ins Sanatorium Rockwinkel ein. Nach ihrer Wiederaufnahme ins Sanatorium besuchte Heinrich seine Frau nur ein einziges Mal.

Für die Folgejahre finden sich kaum Einträge in Elsas Patientenakte. Am 29. August 1934 wurde sie wegen ihres unveränderten Zustands in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg verlegt. Dort war sie weitere sieben Jahre Patientin. Es gibt nur wenige Aufzeichnungen über ihren Aufenthalt in Lüneburg.

Am 13. April 1941 wurde Elsa Spartz im Rahmen der »Aktion T4« in die Zwischenanstalt Herborn verlegt. Dass ihr Ehemann die Hintergründe dieser »planwirtschaftlichen Verlegung« kannte, ist wahrscheinlich. Doch er rettete sie nicht. Am 16. Juni 1941 wurde Elsa Spartz in der Tötungsanstalt Hadamar vergast. Auch Heinrich Spartz überlebte den Krieg nicht. Er starb am 25. Oktober 1944 bei der Bergung von Bombengeschädigten.

Elsa Spartz ist 1889 in Würz-Burg geboren.
Das ist eine Stadt in Süd-Deutsch-Land.
Dort lernt sie Heinrich Spartz kennen.
Er studiert Medizin und wird Arzt.

Elsa und Heinrich heiraten im Jahr 1919.
Sie ziehen nach Hamburg.
Sie bekommen einen Sohn und eine Tochter.
Im Jahr 1928 wird Heinrich Chef-Arzt.
In einem katholischen Kranken-Haus.

Zur gleichen Zeit wird seine Ehe-Frau Elsa krank.
Er bringt sie in eine Privat-Klinik.
Heinrich will eine gute Behandlung für seine Ehe-Frau.

Bald kann Elsa wieder nach Hause.
Zuhause beschimpft sie ihren Ehe-Mann und ihre Kinder.
Heinrich bringt sie deshalb wieder zurück in die Privat-Klinik.
Dort besucht er sie nur noch ein Mal.

Elsa will nicht in der Klinik bleiben.
Sie will wieder nach Hause.
Aber Heinrich will sie nicht ab-holen.
Da läuft Elsa weg.
Sie fährt allein nach Hause.
Mit einem Taxi.

Heinrich schickt sie sofort wieder zurück.
Danach besucht er seine Ehe-Frau Elsa nie wieder.

Im Jahr 1934 kommt Elsa in die Lüne-Burger Anstalt.
Im Jahr 1937 wird Heinrich Mitglied der NSDAP.
Das ist die Nazi-Partei.

Als Arzt weiß er:
Nazis ermorden Menschen mit Behinderungen.
Und Menschen mit seelischen Erkrankungen.
Also Menschen wie seine Ehe-Frau.

Doch er rettet seine Ehe-Frau nicht.
Er holt sie nicht nach Hause.
Er bringt sie auch nicht in ein anderes Kranken-Haus.
Obwohl er Arzt ist.
Obwohl er viele Helfer kennt.

Am 30. April 1941 wird Elsa Spartz in die Anstalt Herborn verlegt.
Am 16. Juni 1941 kommt sie in die Tötungs-Anstalt Hadamar.
Dort wird Elsa Spartz ermordet.
Am gleichen Tag.

Ihr Mann stirbt auch.
Er will Menschen retten.
Nach einem Bomben-Angriff.
Da stürzt das Haus ein.

Irmgard Ruschenbusch und Elsa ca. 1901

Irmgard Ruschenbusch mit Elsas Eltern

»Sonderbehandlung 14f13«

Im Jahr 1941 gab es in den Konzentrationslagern noch keine Vorrichtungen für Massenmorde. Die ab August 1941 nicht mehr ausgelasteten Tötungsanstalten der »Aktion T4« ermöglichten erstmals eine massenhafte Ermordung der »nicht mehr arbeitsfähigen« Häftlinge und wurden so Vorbild für die Einrichtung der Vernichtungslager. Für die Bezeichnung der Selektion und Ermordung nicht mehr arbeitsfähiger KZ-Häftlinge wurde die Formel »Sonderbehandlung 14f13« gewählt. »Sonderbehandlung« stand synonym für Tötung bzw. Exekution, »14« war die Kennziffer des Inspekteurs der Konzentrationslager, »f« war das Kürzel für »Todesfälle«, und die Ziffer »13« stand für die Todesart, in diesem Fall die Vergasung.

Die Lagerleitung traf eine Auswahl der Häftlinge, die in den Lagern von einer Ärztekommission in Augenschein genommen und selektiert wurden. Hierbei handelte es sich um erfahrene »T4«-Gutachter. Die erste bekannte Selektion fand im April 1941 im Lager Sachsenhausen statt. Bis zum Sommer 1941 wurden mindestens 400 Sachsenhausen-Häftlinge »ausgemustert«. Im gleichen Zeitraum wurden 450 Häftlinge aus Buchenwald und 575 aus Auschwitz in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein vergast. Nach dem offiziellen Ende der »Aktion T4« beteiligte sich Pirna-Sonnenstein nicht mehr an der »Sonderbehandlung 14f13«. Häftlinge aus den Lagern Buchenwald, Ravensbrück und Groß-Rosen wurden ab diesem Zeitpunkt in der Tötungsanstalt Bernburg vergast. Die meisten Opfer der »Sonderbehandlung 14f13« gab es in der Tötungsanstalt Hartheim. Dort wurden mehrere tausend Häftlinge aus den Lagern Mauthausen, Dachau und Gusen mit Kohlenmonoxid ermordet.

Im April 1944 wurde die »Sonderbehandlung 14f13« ausgeweitet. Es bedurfte keiner Ärztekommission mehr, stattdessen entschied der Lagerarzt selbst über den Mord durch Vergasung. Die Häftlinge wurden nicht mehr nur in die Tötungsanstalten verlegt, sondern nun auch in andere Lager, die mittlerweile über eigene Gaskammern verfügten (etwa Mauthausen, Sachsenhausen, Auschwitz). In der Tötungsanstalt Hartheim wurden nun auch osteuropäische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und ungarische Juden vergast. Die »Sonderbehandlung 14f13« endete mit der letzten Verlegung nach Hartheim im Dezember 1944.

Sonder-Behandlung 14 f 13

Im National-Sozialismus gibt es Konzentrations-Lager.
Das sind besondere Gefängnisse.
Die Häftlinge sind unschuldig.
Sie haben keine Straf-Tat gemacht.
Aber sie sind gegen die National-Sozialisten.
Sie haben eine andere Meinung.
Sie finden nicht gut was National-Sozialisten machen.
Oder sie sind jüdisch.
Oder sie sind aus einer anderen Kultur.
Nur deshalb sind sie Häftlinge.

Die Häftlinge müssen sehr schwer arbeiten.
Und sie bekommen nicht genug zu essen.
Davon werden sie krank.
Der Lager-Arzt entscheidet:
Der Häftling muss sterben.
Der Häftling muss vergast werden.

In den Tötungs-Anstalten gibt es Gas-Kammern.
Deswegen kommen die Häftlinge in 3 Tötungs-Anstalten:
Pirna-Sonnen-Stein
Hart-Heim
Bern-Burg

Da werden sie ermordet.
Mit Gas.

Diese Aktion nennt man Sonder-Behandlung 14 f 13:

Sonder-Behandlung steht für Mord.

14 steht für Konzentrations-Lager.

f steht für Tod.

13 steht für Gas-Mord.

Die Aktion endet 1944 im Dezember.
Bis dahin sind viele tausend Häftlinge ermordet worden.

Frieda Pogoda

Frieda Pogoda, geborene Kempin, wurde am 24. August 1883 in Stade geboren. Ein halbes Jahr nach Friedas Geburt eröffnete Friedas Vater am 28. Februar 1884 in der Flutstraße in Stade eine Glaserei, die in den folgenden Jahrzehnten von Friedas Brüdern bzw. ihren Neffen weitergeführt wurde.

Frieda heiratete am 2. April 1907 den Schneidermeister Eugen Pogoda und das Ehepaar lebte ebenfalls in der Flutstraße. Gemeinsam hatten sie vier Kinder. Da die einzige Tochter im Alter von nur vier Monaten starb, zog das Ehepaar Pogoda drei Jungen groß.

Frieda wurde am 31. Juli 1918 im Alter von 34 Jahren das erste Mal in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg aufgenommen. Bei ihrer ersten Aufnahme waren ihre drei Kinder elf und fünf
Jahre sowie zehn Monate alt. Während des Aufenthaltes in Lüneburg schien sie sich schnell wieder zu beruhigen und konnte fünf Monate später wieder »gebessert entlassen« werden.

Vier Monate später wurde Frieda ein zweites Mal aufgenommen. Diesmal blieb sie zehn Monate lang Patientin. Bemerkenswert ist, dass Frieda sich nach ihrer zweiten Entlassung stabilisierte und 14 aufeinanderfolgende Jahre gesund blieb. 1927 erkrankte ihr Ehemann Eugen so schwer an
»progressiver Paralyse«, sodass auch er in die Lüneburger Heil- und Pflegeanstalt aufgenommen werden musste. Er starb ein Jahr später am 6. Juni 1928.

Friedas dritte und letzte Aufnahme erfolgte am 10. Februar 1934. Ihre Familie hatte sie zunächst in das Krankenhaus Stade eingewiesen. Nachts stieg sie aus dem Fenster und wandelte auf dem Friedhof umher. Frieda blieb acht Tage im Krankenhaus Stade und wurde von dort in Begleitung einer Krankenschwester nach Lüneburg gebracht.

Im Laufe ihres Aufenthaltes wurde sie »erbbiologisch erfasst«, eine Sippentafel angelegt und ihre Diagnose »Dementia praecox« um »progressive Paralyse« erweitert. Frieda blieb bis zu ihrer Verlegung nach Herborn am 30. April 1941. Am 16. Juni 1941 wurde sie von dort in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht und ermordet. Sie starb im Alter von 57 Jahren.

Inzwischen wurde Frieda Pogoda in der Flutstraße in Stade ein Stolperstein verlegt, dort, wo das Wohnhaus mit der Schneiderei einst gestanden hat.

Frieda Pogoda ist im Jahr 1883 in Stade geboren.
Ihre Eltern sind Friedrich und Mathilde Kempin.
Sie leben in Stade.
Das ist eine Stadt im Süden von Hamburg.
Der Vater hat eine Glaserei.
In der Flut-Straße.

Dort lernt Frieda ihren Ehe-Mann kennen.
Das ist Eugen Pogoda.
Er ist Schneider-Meister.
Seine Schneiderei ist auch in der Flut-Straße.
Sie heiraten im Jahr 1907 und bekommen 4 Kinder.
Ein Mädchen und 3 Jungen.

Das Mädchen stirbt mit 4 Monaten.
Frieda wird im Jahr 1934 krank.
Da ist ihr jüngstes Kind 10 Monate alt.

Sie kommt in ein besonderes Kranken-Haus.
In die Anstalt nach Lüne-Burg.
Nach 5 Monaten ist sie wieder gesund.
4 Monate später ist sie wieder krank.
Sie ist 10 Monate Patientin.
Dann ist sie wieder gesund.
14 Jahre lang.
Das ist eine lange Zeit.

Im Jahr 1927 erkrankt ihr Ehe-Mann.
Er wird auch Patient in der Anstalt in Lüne-Burg.
Er stirbt an Gehirn-Erweichung.
Da entwickelt sich das Gehirn zurück.

Frieda wird viele Jahre später wieder krank.
Das ist im Jahr 1934.
Erst ist sie Patientin im Kranken-Haus in Stade.
Da will sie nicht bleiben.
Sie steigt aus dem Fenster.
Sie kann gefunden werden.
Und wird nach Lüne-Burg in die Anstalt gebracht.

Im April 1941 wird sie verlegt.
In die Tötungs-Anstalt nach Hadamar.
Dort wird sie am 16. Juni 1941 ermordet.
Sie wird vergast.
Sie wird Opfer vom Patienten-Mord.
Da ist sie 57 Jahre alt.

Für Frieda wurde ein Stolper-Stein verlegt.
Er liegt da wo ihre Schneiderei war.
In der Flut-Straße in Stade.

Frieda Pogoda

Frieda Pogoda Stolperstein

Mord mit Kohlenmonoxid

Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen am 1. September 1939 begannen die Massenmorde an zehntausenden polnischen Anstaltspatient*innen durch Erschießungen. Wenige Wochen später wurde für die Morde erstmals gasförmiges Kohlenmonoxid eingesetzt. Vermutlich Mitte Oktober 1939 wurden im Bunker des Fort VII im Konzentrationslager Posen durch das »Sonderkommando Lange« unter der Leitung von SS-Untersturmführer Herbert Lange stationäre »Probevergasungen« durchgeführt. Da die Eisentür der provisorischen Gaskammer zunächst keine Abdichtung besaß, wurde nachgebessert. Im November und Dezember 1939 folgten weitere Vergasungen, bei denen rund 400 psychisch Erkrankte der Anstalten Treskau und Tiegenhof ermordet wurden.

Die »T4«-Zentrale in Berlin, die zur gleichen Zeit auf der Suche nach effizienten Tötungsverfahren für deutsche Psychiatriepatient*innen war, interessierte sich für diese »Posener Experimente«. Dr. August Becker vom Kriminaltechnischen Institut der Sicherheitspolizei Berlin und Heinrich Himmler als Reichsführer-SS nahmen im Dezember 1939 an Vergasungen in Posen teil, um sich von der Wirkungsweise zu überzeugen. Infolgedessen entschieden sich beide in Bezug auf die »Aktion T4« gegen Zyanid und für den Einsatz von Kohlenmonoxid als Tötungsmittel. In den Tötungsanstalten Grafeneck und Brandenburg wurden daraufhin Dieselmotoren und Rohre installiert, über die das Kohlenmonoxid in Kellerräume hinein geleitet werden konnte. Identische Installationen folgten in den Tötungsanstalten Bernburg, Hartheim, Hadamar und Pirna-Sonnenstein.

Ab Januar 1940 wurde das »Sonderkommando Lange« auch als mobiles Vergasungskommando eingesetzt. Mit einem Gaswagen, den das Kriminaltechnische Institut Berlin unter Federführung von Dr. Albert Widmann entwickelt und bereits im Konzentrationslager Sachsenhausen an Kriegsgefangenen erprobt hatte, wurden polnische Anstaltspatientinnen in Pommern, West- und Ostpreußen ermordet. Die eingesetzten Gaswagen waren mit der Aufschrift »Kaiser’s Kaffee Geschäft« getarnt und fuhren als »mobile Gaskammern« von Anstalt zu Anstalt. Das durch den Dieselmotor produzierte Kohlenmonoxid wurde in den Laderaum geleitet, in dem die Patientinnen eingesperrt waren und elend erstickten. Diesen Gaswagenmorden fielen über 6.000 polnische Anstaltspatient*innen zum Opfer.

Von Januar 1940 bis August 1941 wurden im Rahmen der »Aktion T4« über 70.000 deutsche Anstaltspatient*innen mit Kohlenmonoxid vergast. Von April 1941 bis Sommer 1942 wurden tausende Häftlinge aus Konzentrationslagern in der sogenannten »Sonderbehandlung 14f13« in den Tötungsanstalten Hartheim, Pirna-Sonnenstein und Bernburg vergast. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Vernichtungslager mit eigenen fest installierten Gaskammern.

Ab Dezember 1941 wurde die Kernmannschaft des »Sonderkommandos Lange« nach Kulmhof / Chełmno versetzt und ermordete dort in Gaswagen über 150.000 Jüdinnen und Juden, Sintizze und Romnia. Ab März 1942 bis November 1943 wurden über 1,8 Millionen Menschen in den Vernichtungslagern Bełżec, Sobibór und Treblinka mit Kohlenmonoxid vergast. Zum Einsatzkommando dieser drei Lager der »Aktion Reinhardt« gehörten auch über 120 Männer der »Aktion T4«.

Gas-Mord

Am 1. September 1939 bricht der Zweite Welt-Krieg aus.
Deutsche Soldaten über-fallen Polen.
Das ist ein Nachbar-Land von Deutsch-Land.
Polen wird von Deutsch-Land besetzt.

Die Polen wehren sich.
Viele deutsche Soldaten werden verletzt.
Sie müssen in ein Kranken-Haus.

Aber dort sind noch die polnischen Patienten.
Also werden die polnischen Patienten erschossen.
Damit Platz ist für deutsche Soldaten.
Und für Deutsche die nach Polen ziehen sollen.

Das Erschießen von vielen 100 Patienten braucht viele Patronen.
Und es ist sehr grausam.
Den deutschen Soldaten fällt das schwer.
Denn die Menschen die sie erschießen sind:
Hilf-lose, Kranke, Alte, Menschen mit Behinderungen, Kinder.

In Berlin entscheidet die Regierung:
Es muss anders gemordet werden.
Sauberer.
Mit Gas.

Das wird an polnischen Patienten aus-probiert.
In einem Konzentrations-Lager in Posen.
Das ist eine Stadt in Polen.
Das ist im Oktober im Jahr 1939.

Man baut eine erste Gas-Kammer.
Es gibt Motoren wie bei einem Auto.
Die Ab-Gase von dem Motor gehen in einen Raum.
Es gibt dann keine frische Luft mehr.
Die Menschen in dem Raum ersticken.
Die ersten sind Patienten aus 2 Anstalten in Polen.

Heinrich Himmler guckt sich das an.
Er ist der höchste Leiter der Polizei.
Er findet das gut.
Er entscheidet:
Das brauchen wir auch im Deutschen Reich.
So ermorden wir auch deutsche Patienten.

In 6 Anstalten werden Gas-Kammern gebaut.
In Keller-Räumen.
Sie sehen aus wie Dusch-Räume.
Durch Rohre kommt das Gas in die Gas-Kammer.
Die Anstalten sind eigentlich Kranken-Häuser.
Jetzt sind es Tötungs-Anstalten.
Da werden über 70 Tausend Patienten vergast.
Das ist im Jahr 1940 und 1941.

Danach werden Häftlinge vergast.
Sie kommen aus Konzentrations-Lagern.
Das sind besondere Gefängnisse.
Da sind Unschuldige.
Sie sind eingesperrt.
Weil sie gegen die National-Sozialisten sind.
Oder jüdisch.
Oder aus einem anderen Land kommen.
Oder eine andere Kultur haben.
Viele Tausend Häftlinge werden vergast.
In 3 Tötungs-Anstalten in Deutsch-Land.
Das geht bis in das Jahr 1942.

In Polen benutzt man für den Gas-Mord auch einen LKW.
Es ist ein Gas-Wagen.
Auf dem Gas-Wagen steht:
Kaisers Kaffee Geschäft.

Das ist eine Lüge.
Das ist nur vorgetäuscht.
Die Patienten sollen nicht merken:
Das ist ein Gas-Wagen!
Da werde ich ermordet!

Der Gas-Wagen fährt von Anstalt zu Anstalt.
Die Patienten müssen in den Lade-Raum.
Da kommt das Gas durch einen Schlauch hinein.
6 Tausend Patienten aus Polen werden im Gas-Wagen ermordet.

Dann baut man in Polen Vernichtungs-Lager.
Dort werden Menschen massenhaft mit Gas ermordet.
Zum Beispiel im Vernichtungs-Lager Kulm-Hof
Da werden über 150.000 Menschen vergast.

Oder in Belzec, Sobibor und Treblinka.
Das sind auch 3 Vernichtungs-Lager in Polen.
Sie gehören zur Aktion Reinhardt.
Dort werden insgesamt fast 2 Millionen Menschen vergast.
Da arbeiten auch Männer aus der Aktion T4.
Sie wissen wie der Gas-Mord geht.

Irmgard Ruschenbusch

Irmgard Ruschenbusch wurde am 5. März 1896 in Hermannsburg im Landkreis Celle geboren. Ihre Eltern waren Bertha Ruschenbusch, geborene Harms, und der Landarzt Dr. Ernst Friedrich Ruschenbusch. Die Familie der Mutter war fest verankert in Hermannsburg und freikirchlich orientiert, es gingen Missionare und Pastoren aus ihr hervor.

Irmgard war das erste Kind des Ehepaares. Es folgte noch die Schwester Elsa. Die beiden Mädchen hatten eine sorglose, ungetrübte Kindheit. Sie endete, als der Vater im Januar 1911 im Alter von 45 Jahren an einer Hals-Krebserkrankung starb.

Irmgard schloss die Schule nach dem Volksschulabschluss ab und ging nach Hamburg. Im sogenannten »Froebel-Seminar« begann sie eine Ausbildung als Erzieherin. Wegen Anzeichen eines »jugendlichen Irreseins« musste sie ihre Ausbildung jedoch abbrechen und zu ihrer Mutter zurückkehren. Im Herbst 1918 ging es ihr dort schlechter, sodass sie erstmals in die Lüneburger Heil- und Pflegeanstalt aufgenommen wurde. Ein halbes Jahr später wurde sie wieder »gebessert« nach Hause entlassen. Fünf Jahre später erkrankte Irmgard erneut und wurde ein zweites Mal Patientin in der Anstalt. Diesmal wurde die Diagnose »Schizophrenie« gestellt und sie blieb Anstaltspatientin.

Irmgard soll in den ersten Jahren regelmäßig Besuch von ihrer Mutter und ihrer Schwester Elsa bekommen haben. Elsa, die ab 1926 zu ihrem Ehemann gezogen war, habe hierfür sogar den Weg aus Hannover auf sich genommen. Auch mit Briefen und Paketen hielten Mutter und Schwester Kontakt.
Die Besuche endeten jedoch 1940, als Elsa nach Potsdam zog.

Irmgard wurde am 30. April 1941 in die Zwischenanstalt Herborn verlegt. Von dort wurde sie am 16. Juni 1941 in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht und ermordet. Ihre Mutter erfuhr von der »planwirtschaftlichen Verlegung« erst Mitte Juni 1941. Da Bertha nicht wusste, dass ihre Tochter zu diesem Zeitpunkt bereits getötet worden war, schickte sie ihr ein Paket nach Hadamar. Auf dieses Paket folgte keine Reaktion.

Wenige Wochen später erhielt Irmgards Mutter stattdessen einen »Trostbrief«. Mit der Vermutung, dass ihre Tochter ermordet worden war, zerriss sie ihn. Danach organisierte sie eine kirchliche Trauerfeier, damit die Familie sich in Würde von ihr verabschieden konnte.

Am 3. November 2011 wurde im Beisein von Familienangehörigen ein Stolperstein für Irmgard Ruschenbusch verlegt. Zweimal im Jahr fährt ein Nachfahre nach Hermannsburg, putzt den Stein und stellt eine Grabkerze auf. »Da müssen die Menschen dann drüber steigen«, erzählt Michael Schade mit einem Schmunzeln.

Irmgard Ruschenbusch ist im Jahr 1896 in Hermanns-Burg geboren.
Das ist ein Ort in der Nähe von Celle.
Ihre Eltern sind Bertha und Ernst Ruschenbusch.
Ihr Vater ist Land-Arzt.
Ihre Mutter ist sehr christlich.
In der Familie von der Mutter gibt es viele Kirchen-Menschen.

Irmgard ist das erste Kind.
Sie hat eine jüngere Schwester Elsa.
Elsa und Irmgard haben eine schöne Kindheit.
Bis der Vater stirbt.
Er stirbt an Krebs.
Da ist Irmgard 14 Jahre alt

Irmgard geht nach Hamburg.
Da lernt sie Erzieherin.
Dann wird sie krank.
Sie muss auf-hören.
Sie erkrankt an Realitäts-Verlust.

Sie geht zurück nach Hermanns-Burg.
Zu ihrer Mutter.
Aber es wird nicht besser.
Deswegen muss sie in die Anstalt.
Das ist ein besonderes Kranken-Haus.
Sie wird Patientin in Lüne-Burg.

Sie wird wieder gesund.
Sie darf wieder nach Hause.
5 Jahre bleibt sie gesund.
Dann kommt der Realitäts-Verlust zurück.

Sie muss ein zweites Mal in die Anstalt.
Diesmal bleibt sie.

Ihre Mutter und ihre Schwester Elsa besuchen Irmgard.
Sie schicken Briefe.
Und Pakete.
15 Jahre lang.

Dann zieht ihre Schwester um.
Der Weg nach Lüne-Burg wird zu weit.
Die Mutter schafft es auch nicht alleine.
Darum hört der Besuch auf.

1 Jahr bekommt sie keinen Besuch.
Dann wird Irmgard verlegt.
In die Tötungs-Anstalt.
Sie wird vergast.
Sie wird ein Opfer vom Patienten-Mord.
Das ist im Jahr 1941.

Ihre Mutter schickt ihr ein Paket hinter-her.
Sie bekommt keine Antwort von Irmgard.
Da weiß die Mutter:
Irmgard ist ermordet worden.

Dann kommt ein Brief.
Darin steht:
Irmgard ist an einer Lungen-Entzündung gestorben.
Das ist eine Lüge.
Das weiß die Mutter.

Sie spricht mit der Kirche.
Irmgard bekommt eine Beerdigung.
Das ist der Mutter wichtig.
Die Familie will sich von Irmgard verabschieden.

Im Jahr 2011 bekommt Irmgard einen Stolper-Stein.
Er liegt in Hermanns-Burg.
Die Familie fährt 2 Mal im Jahr hin.
Dann putzen sie den Stein.
Und stellen eine Kerze auf.
Irmgard soll nicht vergessen werden.

Irmgard Ruschenbusch und Elsa ca. 1901

Irmgard Ruschenbusch mit Elsa und den Eltern

Irmgard Ruschenbusch ca. 1917

Irmgard Ruschenbusch Stolperstein