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»Kindergräberfeld«

Unter den 737 Kindern und Jugendlichen, die in die »Kinderfachabteilung« aufgenommen wurden, lassen sich nach derzeitigem Forschungsstand 425 Todesfälle identifizieren. Bis auf Einzelfälle ist davon auszugehen, dass die Kinder und Jugendlichen keines natürlichen Todes gestorben sind, sondern ermordet wurden, also Opfer der »Kinder-Euthanasie« sind.

Für die auf dem Anstaltsfriedhof beerdigten Kinder und Jugendlichen gab es zwei »Kindergräberfelder« (a und b), die später zu einem Gräberfeld zusammengefasst wurden. Auf ihnen wurden zwischen dem 20. Oktober 1941 und dem 3. Januar 1950 insgesamt 297 Kinder, davon 175 Jungen, 121 Mädchen und ein unbekanntes Kind begraben. Das jüngste Kind war bei seinem Tod drei Monate, das älteste 16 Jahre alt.

Bis Kriegsende wurden 260 Kinder, bis Jahresende 1945 weitere 23 Kinder bestattet. Ab 1946 nahm die Zahl der Bestattungen rasch ab. 1946 gab es sechs, 1947 nur vier, 1948 zwei und 1949 sowie 1950 jeweils nur eine Bestattung.

Die Bestattungen erfolgten in Särgen, als Einzelgräber in Reihe. Gab es keine Kindersärge, mussten die Kinder und Jugendlichen in Särgen für erwachsene Leichen bestattet werden. Da diese nicht in die kleiner bemessenen Kindergräber passten, wurden sie nicht auf dem »Kindergräberfeld« bestattet, sondern in Streulage zwischen den anderen Patient*innen-Gräbern. Infolgedessen konnten außerhalb des »Kindergräberfeldes« mindestens acht weitere Gräber von Opfern der »Kinder-Euthanasie« identifiziert werden. Insgesamt gab es 24 Gräber von Kindern und Jugendlichen außerhalb des »Kindergräberfeldes«.

Bei der Bestattung waren nur in seltenen Fällen Angehörige zugegen. Obwohl die Grabpflege aus öffentlichen Mitteln finanziert wurde, gab es Angehörige, die die Gräber pflegten, sobald es ihnen möglich war nach Lüneburg zu reisen. Die öffentlich gepflegten Gräber blieben mit Rasen und Efeu bepflanzt.

Fast alle Kindergräber wurden ab Mitte der 1970er Jahre aufgelöst und überbettet. Die Angehörigen wurden darüber nicht informiert. Nur vier Gräber wurden umgebettet und blieben auf der 1975 errichteten Kriegsgräberstätte erhalten.

Kinder-Gräber-Feld

Es gibt 425 tote Kinder und Jugendliche.
In der Zeit des National-Sozialismus.
In der Anstalt in Lüneburg
Fast alle sind ermordet.
Sie sind Opfer vom Patienten-Mord.

Sie werden beerdigt.
Auf einem Fried-Hof.
Das ist der Fried-Hof Nord-West.

Die Gräber sind auf einem besonderen Teil.
Da werden nur Kinder begraben.
Deswegen heißt es Kinder-Gräber-Feld.

Dort werden fast 300 Kinder und Jugendliche begraben.
Das jüngste tote Kind ist erst 3 Monate alt.
Das älteste tote Kind ist 16 Jahre alt.
Das passiert zwischen den Jahren 1941 und 1950.

Jedes Kind bekommt einen Kinder-Sarg.
Er ist kleiner als der für Erwachsene.
Und jedes Kind bekommt ein eigenes Grab.
Ein Kinder-Grab.
Es ist auch kleiner als das für Erwachsene.

Manchmal gibt es keinen Kinder-Sarg.
Dann nimmt man einen großen Sarg für Erwachsene.
Dann muss das Kind auch in ein großes Grab.
Denn der große Sarg passt nicht in das kleine Kinder-Grab.
Darum gibt auch Kinder-Gräber außerhalb vom Kinder-Gräber-Feld.
Insgesamt 24.
8 sind Gräber von Opfern vom Patienten-Mord.

Die Familien sind bei der Beerdigung nicht dabei.
Sie müssen sich nicht um das Grab kümmern.
Das macht der Fried-Hofs-Gärtner.
Trotzdem kommen viele Familien.
Sie pflanzen Blumen auf das Grab.
Sie setzen einen Grab-Stein.
Sie kommen und gießen die Blumen.
Die anderen Gräber sind nur Rasen und Efeu.

Ab 1975 werden die Gräber weg gemacht.
Die Familien erfahren das nicht.
Niemand sagt ihnen:
Das Grab kommt weg.

Nur 4 Kinder-Gräber bleiben erhalten.
Sie werden Teil einer Kriegs-Gräber-Stätte.

Kriegsgräberstätte

Die 1975 angelegte Kriegsgräberstätte auf dem Friedhof der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg umfasst heute 84 Gräber, davon 80 für Erwachsene und vier für Kinder. Unter den Erwachsenen waren 24 Frauen und 56 Männer im Alter von 17 bis 88 Jahren. Das Durchschnittsalter der Beerdigten betrug 30 Jahre bei den Frauen und 35 Jahre bei den Männern. Mit einer Ausnahme waren alle Toten Patient*innen der Heil- und Pflegeanstalt. Sie starben zwischen 1922 und 1950 und kamen aus Polen (29), Russland (20), Ukraine (10), Lettland (5), Rumänien (2), Serbien (2), Slowenien (2), Belgien (1), Griechenland (1), Italien (1), Niederlande (1), Spanien (1) und Ungarn (1). Die Herkunft von vier Toten ist unbekannt.

Bei den Toten handelt es sich um ausländische Zwangsarbeiter*innen, Kriegsflüchtlinge, »Umsiedler*innen« und solche, deren Staatsbürgerschaft nicht eindeutig geklärt ist. 21 der hier liegenden Toten starben an Hunger und Erschöpfung. In 34 der Gräber wurden Patient*innen bestattet, die an Tuberkulose gestorben waren. In zehn Gräbern ruhen Erkrankte, die aus der Heil- und Pflegeanstalt Oldenburg in Wehnen am 14. Dezember 1944 nach Lüneburg verlegt wurden. Sie wurden kaum untersucht, starben ebenfalls zumeist an Hunger und Erschöpfung. Zur Anlage gehören auch 19 Gräber von Menschen, die an »Altersschwäche«, Lungenentzündung, Mohnvergiftung und infolge von Dauerkrampf oder einer Operation starben.

Die Gräber von Kindern, die in der »Kinderfachabteilung« der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg Patient*innen waren, wurden ab Mitte der 1970erJahre aufgelöst. Nur die Gräber von Dieter Lorenz, Berend – Benni – Hiemstra, Rosa Reinhard und Abraham Kamphuis sind erhalten geblieben. Abweichend vom Kriegsgräbergesetz von 1952, durch das Gräber ausländischer Kinder nicht explizit geschützt wurden, hatte die Friedhofsverwaltung diese und zwei weitere Gräber 1954 bzw. 1957 auf die Kriegsgräberliste gesetzt.

Sieben Kindergräber wurden bei der Anlage der Kriegsgräberstätte 1975 nicht berücksichtigt:

Bernd Sabarosch (1944 – 1945, Holland)
Luba Gorbatschuk (1943 – 1944, unbekannt)
Ilja Matziuk (1944 – 1945, unbekannt)
Elisabeth van Molen (1943 – 1944, Holland)
Johann Peter Wolf (1932 – 1942, Holland)
Uossy bzw. Kossi (… – 1945, unbekannt)
Yvonne Mennen (1938 – 1944, Holland)

Die Gräber von Ilja Matziuk und Luba Gorbatschuk, zwei Mädchen von Zwangsarbeiterinnen, wurden 1975 überbettet, obwohl sie gemäß Ministerialerlass von 1966 geschützt waren. Elisabeth van Molens Grab ist zuletzt in der Kriegsgräberliste von 1958 erwähnt. Johann Peter Wolfs Grab wurde 1975 noch in die Planung der Kriegsgräberstätte einbezogen. Beide wurden nicht umgebettet.

Kriegs-Gräber-Stätte

Die Kriegs-Gräber-Stätte besteht aus vielen Gräbern.
Von Opfern des Zweiten Welt-Krieges.
Die Kriegs-Gräber-Stätte auf dem Fried-Hof Nord-West gehört zur Anstalt.
Es sind 79 Gräber von erwachsenen Patienten.
Nur einer ist kein Patient.
Und es sind 4 Gräber von Kindern aus der Kinder-Fach-Abteilung.
Viele sind Opfer vom Patienten-Mord.
In der Zeit des National-Sozialismus.

Die Toten kommen aus ganz Europa.
Aus Polen und Russland kommen die meisten.
Und aus der Ukraine.
Von 4 Toten weiß man nicht woher sie kommen.

Viele der Toten sind Zwangs-Arbeiter.
Oder Flüchtlinge.
Viele sterben vor Hunger.
Oder weil sie keine Kraft mehr haben.
Oder sie haben eine tödliche Lungen-Erkrankung.
Ärzte helfen ihnen nicht.
Darum sterben sie.

Jedes zweite Grab gehört zum Aus-Länder-Gräber-Feld.
Die Kinder-Gräber kommen vom Kinder-Gräber-Feld.
Sie gehören zu:
Dieter Lorenz
Berend Hiemstra
Rosa Reinhard
Abraham Kamphuis

Eigentlich sollen alle Gräber von Opfern dableiben.
Ein Kriegs-Gräber-Gesetz schützt sie.
Darin steht:
Alle Gräber von Opfern von Krieg und Gewalt müssen erhalten bleiben.
Für immer.

Aber das passiert nicht.
Alle Gräber werden auf-gelöst.
Bis auf die der Kriegs-Gräber-Stätte.
Weil das Fried-Hofs-Amt denkt:
Das sind Gräber von Aus-Ländern.
Aus-Länder waren Opfer von Krieg und Gewalt.
Darum müssen sie Teil der Kriegs-Gräber-Stätte sein.

Dabei vergisst das Fried-Hofs-Amt 7 Kinder-Gräber.
Es sind die Gräber von:

Bernd Sabarosch
Luba Gorbatschuk
Iljia Matziuk
Elisabeth van Molen
Johann Peter Wolf
Uossy bzw. Kossi
Yvonne Mennen.

Gedenkanlage

Anlässlich der Bestattung der sterblichen Überreste von Kindern und Jugendlichen, die in der »Kinderfachabteilung« Lüneburg 1941 und 1942 ermordet worden waren, wurde 2013 eine Gedenkanlage errichtet. Sie erinnert an die mit der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg in Verbindung stehenden NS-Opfer. Bereits seit 1983 erinnert ein Gedenkstein auf dem Friedhof an die Opfer der Lüneburger NS-Psychiatrie. Dieser wurde in die neu errichtete Gedenkanlage integriert.

Die Gedenkanlage besteht aus einem Backsteinband aus gelben und roten Steinen in Anlehnung an die Gebäude der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg, der heutigen Psychiatrischen Klinik. Es wurden 297 rote Steine verlegt, einer für jedes auf dem »Kindergräberfeld« bestattete Kind. Ein Block von 37 gelben Steinen wurde für die Kinder gesetzt, von denen bisher Organ-Abgaben nach Hamburg belegt sind. Die Gedenkanlage ist zugleich das Grab von zwölf Kindern, deren sterbliche Überreste im Rahmen der Einweihung am 25. August 2013 beigesetzt wurden. Für sie ragen zwölf historische Steine von 1901, dem Baujahr der Anstalt, heraus.

An die Gedenkanlage wurden Kirschbäume gepflanzt, die symbolisch für die verschiedenen Opfergruppen und für jedes individuelle Einzelschicksal stehen. Die Gedenkanlage ist allen diesen Opfern gewidmet: Frauen und Männern, die gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht wurden oder die aus der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg in die Tötungsanstalten Pirna-Sonnenstein und Hadamar verlegt und dort vergast wurden, Kindern und Jugendlichen, die in der Lüneburger »Kinderfachabteilung« ermordet wurden, ausländischen Patient*innen, die aus Norddeutschland in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg konzentriert und von dort deportiert wurden, sowie allen Patient*innen, die in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg der »dezentralen Euthanasie« zum Opfer fielen und an Mangelernährung bzw. den Folgen von Verwahrlosung starben.

In den Jahren 2006 und 2012 wurden im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Gehirnschnitte von Kindern und Jugendlichen entdeckt, die in der Lüneburger »Kinderfachabteilung« ermordet wurden. Die Präparate wurden im Beisein der Angehörigen dicht an den ursprünglichen Gräbern der Kinder bestattet. Bei den zwölf Kindern handelt es sich um:

Marianne Begemann (1929 – 1941)
Rosemarie Bode (1935 – 1942)
Waldemar Borcholte (1931 – 1942)
Friedrich Daps (1933 – 1942)
Heinrich Herold (1934 – 1942)
Elsa Knust (1928 – 1942)
Herta Ley (1930 – 1942)
Hans-Herbert Niehoff (1933 – 1942)
Helmut Quast (1930 – 1942)
Heinz Schäfer (1937 – 1942)
Eckart Willumeit (1928 – 1942)
Werner Wolters (1938 – 1942)

Im Jahr 2013 wird eine Gedenk-Anlage gebaut.
Auf dem Fried-Hof Nord-West.
Es ist ein Denk-Mal.
Hier wird an die Opfer vom Patienten-Mord erinnert.
Es ist wie ein Ersatz-Grab.
Viele Familien haben kein Grab mehr von ihrem Opfer.
Sie können an der Gedenk-Anlage trauern.

Schon im Jahr 1983 gibt es einen Gedenk-Stein.
Aber er reicht nicht.
Und er steht am falschen Ort.
Auf dem Fried-Hof.

Dann finden 2 Forscher Teile von Gehirnen.
Sie gehören 12 Kinder-Opfern vom Patienten-Mord.
Diese Gehirn-Teile sollen beerdigt werden.
Aber nicht irgend-wo.
Sondern da wo die toten Kinder beerdigt sind.

Also entscheiden die Mitarbeiter der Gedenk-Stätte:
Wir brauchen eine Gedenk-Anlage.
Da sollen die Gehirn-Teile beerdigt werden.
Sie entscheiden auch:
So soll die Gedenk-Anlage aussehen.

Es gibt 297 rote Steine.
Jeder rote Stein steht für ein totes Kind.

Es gibt 37 gelbe Steine.
Jeder gelbe Stein steht für ein Kind.
Dem man das Gehirn raus-genommen hat.

Es gibt 12 ganz alte Steine von der Anstalt.
Sie stehen für die 12 Kinder mit den Gehirn-Teilen.
Sie heißen:

Marianne Begemann
Rosemarie Bode
Waldemar Borcholte
Friedrich Daps
Heinrich Herold
Elsa Knust
Herta Ley
Hans-Herbert Niehoff
Helmut Quast
Heinz Schäfer
Eckart Willumeit
Werner Wolters

Es werden 4 Kirsch-Bäume gepflanzt.
Jeder Baum steht für eine Opfer-Gruppe.
Die ermordeten Kinder und Jugendlichen.
Die Opfer der Aktion T4.
Die Opfer der De-Zentralen Euthanasie.
Die Opfer der Aus-Länder-Sammel-Stelle.

Die Gedenk-Anlage erinnert an alle Opfer.

Friedhof Nord-West

Der heutige Friedhof Nord-West wurde 1922 als Anstaltsfriedhof der 1901 gegründeten (Provinzial-) Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg für die Bestattung von Patient*innen sowie des Anstaltspersonals in Betrieb genommen. Zuvor wurden Patient*innen unter anderem auf dem Lüneburger Michaelisfriedhof beigesetzt. In der Nachkriegszeit blieb der Friedhof in Landesbesitz und wurde von der Anstaltsgärtnerei gepflegt.

Die letzten Patient*innen wurden 1982 bestattet. 1985 ging der Friedhof an die Stadt Lüneburg über. Er wird seitdem als städtischer Friedhof mit dem Namenszusatz »Nord-West« geführt. Seit 2008 finden hier auch Beisetzungen islamischer Glaubensangehöriger statt.

Auf dem Anstaltsfriedhof wurden auch Opfer der Lüneburger »Euthanasie«-Maßnahmen (1941 – 1945) sowie Opfer der Nachkriegspsychiatrie (1945 – 1951) bestattet. Hierzu gehören Kinder und Jugendliche, die in der »Kinderfachabteilung« Lüneburg ermordet wurden, Patient*innen der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg, die der »dezentralen Euthanasie« zum Opfer fielen, sowie an Erschöpfung, Hunger bzw. Mangelversorgung nach Kriegsende Verstorbene. Zu den erwachsenen Opfern der »dezentralen Euthanasie« gehörten insbesondere Patient*innen mit Behinderungen sowie mit ausländischer Herkunft (Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter*innen, Flüchtlinge und Umsiedler*innen). Außerdem wurden auf dem Anstaltsfriedhof auch Opfer des Luftkrieges beerdigt.

Die Kinder und Jugendlichen wurden auf einem »Kindergräberfeld« beigesetzt, die Patient*innen ausländischer Herkunft auf einem »Ausländergräberfeld«. Acht ermordete Kinder und Jugendliche wurden außerhalb des »Kindergräberfeldes« in einem Grab für erwachsene Patient*innen bestattet.

Nicht auf diesem Friedhof beigesetzt wurden Patient*innen aus der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg, die Opfer der »Aktion T4« wurden und 1941 in Tötungsanstalten ermordet wurden, sowie all jene Opfer, deren Angehörigen eine Überführung der Leichname veranlassten.

Bei den Beerdigungen trugen Pflegekräfte die Särge. In der Regel waren Geistliche, aber nur selten Angehörige anwesend. Die Toten wurden in Reihengräbern Kopf an Kopf beigesetzt. Die Gräber waren mit einfachen Holzkreuzen versehen, die nur die Namen und die Grabnummern trugen. Ende der 1940er Jahre wurden die Kreuze durch sogenannte Kissensteine ersetzt. Auf diesen rechteckigen, 40 x 30 cm kleinen Granitsteinen waren der Name und die Lebensdaten eingraviert.

Zwischen 1949 und 1957 wurden französische, niederländische und italienische Tote exhumiert und auf Kriegsgräberstätten überführt. Mit Ausnahme von 84 Gräbern wurden alle Gräber von Opfern der NS- und Nachkriegspsychiatrie sowie Gräber von Luftkriegsopfern nach einer Ruhezeit von 25 Jahren überbettet, obwohl sie unter die Kriegsgräbergesetze hätten fallen müssen. Die verbliebenen Gräber wurden 1975 zu einer Kriegsgräberstätte hergerichtet.

Seit 1983 erinnert ein Gedenkstein an die Opfer der Lüneburger NS-Psychiatrie. Im Zusammenhang mit der Beisetzung der sterblichen Überreste von zwölf Kindern, die in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg dem Patientenmord zum Opfer fielen, wurde der Stein 2013 versetzt und Element einer Gedenkanlage. Inzwischen wird auf Geschichts- und Erinnerungstafeln über die Grablagen informiert.

Fried-Hof Nord-West

Der Fried-Hof ist kurz vor Lüneburg.
2 Kilo-Meter weit weg von dem besonderen Kranken-Haus.
Dort werden Menschen beerdigt.
Früher gehört der Fried-Hof zur Anstalt.

Dort werden Patienten beerdigt.
Und Mit-Arbeiter der Anstalt.
Das passiert zwischen dem Jahr 1922 und dem Jahr 1982.
Seit dem Jahr 1985 gehört der Fried-Hof nicht mehr zur Anstalt.
Er gehört zur Stadt Lüneburg.

Jeder Patient bekommt ein Grab.
Darauf kommt ein Holz-Kreuz.
Darauf steht der Name.
Und die Nummer des Grabes.
Mehr nicht.
Erst viel später gibt es einen Grab-Stein.
Der ist klein.
So groß wie ein Blatt Papier.
Darauf steht auch nur der Name.
Und von wann bis wann jemand gelebt hat.

Die Beerdigung macht ein Pastor.
Pfleger der Anstalt tragen den Sarg.
Das ist die Holz-Kiste mit der Leiche.

Nur ganz selten ist die Familie dabei.
Oft werden die Patienten ohne Familie beerdigt.

Auf dem Fried-Hof werden die Opfer vom Patienten-Mord beerdigt.
Nicht alle.
Aber sehr viele.
Es sind die ermordeten Kinder und Jugendlichen.
Es sind die Opfer der Ausländer-Sammel-Stelle.
Und es sind die Opfer der de-zentralen Euthanasie.
Sie werden zwischen 1941 und 1951 beerdigt.

Im Jahr 1975 wird der Fried-Hof neu gemacht.
Alle Kinder-Gräber werden weg-gemacht.
Bis auf 4.
Alle Gräber von erwachsenen Opfern werden weg-gemacht.
Bis auf 80.

Die 80 und 4 Gräber werden zusammen-gelegt.
Es wird ein großes Holz-Kreuz aufgestellt.
Das ist die Kriegs-Gräber-Stätte.

Im Jahr 1983 setzt das Land Nieder-Sachsen einen Stein.
Es ist ein Gedenk-Stein.
Zum Gedenken an die Opfer vom Patienten-Mord.
Der Stein wird an die falsche Stelle gesetzt.

Im Jahr 1985 bekommt die Stadt den Fried-Hof.
Jetzt ist es nicht mehr der Fried-Hof der Anstalt.
Es ist der Fried-Hof der Stadt Lüneburg.
Seit dem Jahr 2008 werden auch Muslime bestattet.
Die Menschen haben den Islam als Religion.
Sie glauben an Mohammed.
Sie haben eigene Regeln beim Beerdigen.

Seit dem Jahr 2013 gibt es eine Gedenk-Anlage.
Das ist ein Denk-Mal.
Einmal im Jahr wird an die Opfer vom Patienten-Mord erinnert.
Und es gibt Schilder.
Darauf steht alles über die Gräber.
Und über den Fried-Hof Nord-West.

Ehrenhain

1967 wurde der ehemalige Ärztliche Direktor Dr. Rudolf Redepenning am Fuße der »Kindergräberfelder« beigesetzt. Das Grab ist durch ein Hochkreuz gekennzeichnet und erinnert aufgrund seiner zentralen Lage sowie einer Douglasien-Allee, die quer über den Friedhof zu seinem Grab mit Hochkreuz hinführt, an einen Ehrenhain.

Als das Grab errichtet wurde, waren sämtliche Gräber der Opfer der Lüneburger »Euthanasie«-Verbrechen noch vorhanden und nicht überbettet, das »Kindergräberfeld« und das »Ausländergräberfeld« in unmittelbarer Nähe noch voll belegt. Auch existierte noch keine Kriegsgräberstätte oder Gedenkanlage.

Der Ehrenhain mit Grab von Rudolf Redepenning war aufgrund seiner Dimension auf dem Friedhof dominant. Das ihm gewidmete Kreuz und die Allee stachen markant hervor. Das ist insofern bemerkenswert, als dass Rudolf Redepenning in Bezug auf die Lüneburger »Euthanasie«-Verbrechen nicht nur Zuschauer und Mitläufer, sondern auch Tatbeteiligter und Täter war. Während seiner Zuarbeit zur Aufarbeitung der Verbrechen im Zuge zweier Ermittlungsverfahren Ende der 1940er und in den 1960er Jahren konnte er seine eigene Verstrickung geheim halten.

Der Ehrenhain wurde wohl auch dadurch gerechtfertigt, dass er sich für eine Reform der Nachkriegspsychiatrie eingesetzt hatte und dafür das Bundesverdienstkreuz erhielt. Für die Angehörigen der Opfer der »Euthanasie«-Verbrechen ist es ein Hohn, dass sein Grab als Ehrenhain angelegt und gepflegt wurde, während die Gräber hunderter Ermordeter verschwanden.

Ehren-Hain

Ein Ehren-Hain ist ein besonderes Grab.
Es ist ein Ehren-Grab.
Es soll den Toten besonders an-erkennen.

Im Jahr 1967 wird so ein Ehren-Grab ein-gerichtet.
Nicht für die Opfer vom Patienten-Mord.
Sondern für den Mörder.
Es ist der Arzt Rudolf Redepenning.

Er gibt den Patienten nicht genug zu essen.
Er hilft den Kranken und Schwachen nicht.
Er macht mit bei der Aktion T4.
Er schreibt falsche Kranken-Geschichten.
Damit besonders viele Patienten ermordet werden.
Und er ermordet Patienten aus dem Aus-Land.

Das Ehren-Grab ist von weitem gut zu erkennen.
Es gibt 2 große Baum-Reihen.
Am Ende gibt es einen Gedenk-Stein.
Und da-hinter steht ein sehr großes Holz-Kreuz.

Das Ehren-Grab ist neben den Gräbern von den Mord-Opfern.
Rudolf Redepenning wird direkt neben-an beerdigt.
Es gibt keine Rück-Sicht auf die Opfer.
Und auf ihre Familien.

Alle Opfer-Gräber sind noch da.
Als Rudolf Redepenning beerdigt wird.
Und seinen Ehren-Hain bekommt.
Es gibt noch keine Kriegs-Gräber-Stätte.
Und noch keine Gedenk-Anlage.

Sein Grab ist in der Mitte des Fried-Hofs Nord-West.
Es ist so groß und gewaltig.
Damit es alle sehen.
Rudolf Redepenning leitet das besondere Kranken-Haus.
Nach dem Zweiten Welt-Krieg.
Er verändert die Behandlung von Patienten.
Dafür bekommt er eine Aus-Zeichnung.
Das Bundes-Verdienst-Kreuz.
Dann stirbt er.
Und die Familie entscheidet:
Rudolf Redpenning soll ein Ehren-Grab bekommen.
Auch die Anstalt findet das gut.
Keiner denkt darüber nach.
Dass er ein Mörder ist.
Das will keiner wissen.

Redepenning bekommt seinen Ehren-Hain.
Und die Gräber seiner Opfer verschwinden.
Alles auf dem gleichen Fried-Hof.

Gräber außerhalb des Anstaltsfriedhofs

Es kam vor, dass Angehörige die Überstellung bzw. Rückführung der Leiche an den Heimatort veranlassten. Das ist der Grund, weshalb die Zahl der Kinder-Gräber auf dem »Kindergräberfeld« nicht identisch mit der Zahl der in der Anstalt gestorbenen Kinder ist.

Die Lüneburger Familien ließen ihre ermordeten Kinder ausnahmslos auf dem Lüneburger Zentralfriedhof bestatten. Bislang ist nur ein in der Anstalt gestorbenes Kind bekannt, das ebenfalls auf dem Zentralfriedhof Lüneburg beerdigt wurde, obwohl es kein Lüneburger Kind war: Christian Meins. Vermutlich wurde er auf dem Zentralfriedhof beerdigt, weil er offiziell als »Bombenbeschädigter« geführt wurde und für jene auf dem Zentralfriedhof ein Gräberfeld vorgesehen war.

Die Familien, die ihre Angehörigen nach Hause überführen ließen, gingen unterschiedlich mit ihrem Tod um. Es gab jene, die eine Trauerfeier ausrichteten, und solche, die nicht einmal eine Erwähnung im Gottesdienst wünschten. Es gab jene, die den Toten im Familiengrab beisetzen ließen, und solche, die genau das vermieden.

Im Fall der »Aktion T4« ließen sich nur verhältnismäßig wenige Familien die Urnen mit der vermeintlichen Asche überstellen. Die Urnen, gefüllt mit einer Misch-Asche der Opfer der »Aktion T4«, wurden dann in der Regel zu bereits bestehenden Gräbern hinzugebettet und gepflegt. Die Asche der übrigen Opfer der »Aktion T4« wurde – je nach Tötungsanstalt – als Dünger auf Feldern verstreut, in Erdhalden gekippt oder in fließendem Wasser entsorgt.

Da die Familien häufig nicht wussten, dass es sich bei ihrem Toten um ein Opfer der »Euthanasie« handelte, sind auch die wenigen bestehenden Gräber von »Euthanasie«-Opfern außerhalb von Anstaltsfriedhöfen nach Ablauf der Liegezeit meist aufgelöst worden.

Bis in die 1980er Jahre zu einem besonderen Stichtag hatten Familien die Möglichkeit, Gräber zu melden, die ab Anerkenntnis als Kriegsgräber öffentlich gepflegt werden konnten. Zu diesem Zeitpunkt gab es bei den Familien von »Euthanasie«-Opfern jedoch oftmals gar kein Wissen um das an ihren Verwandten verübte Verbrechen. Das führte dazu, dass viele Gräber, die sich außerhalb der Anstaltsfriedhöfe und in Familienpflegschaft befanden, nicht gemeldet wurden. Demgemäß wurden sie auch nie als Kriegsgräber erfasst, anerkannt und unter Schutz gestellt.

Bis heute gilt: Seit Ablauf des Stichtages ist eine Unterschutzstellung privat gepflegter Kriegsgräber nicht mehr möglich, auch wenn Forschungen inzwischen zweifelsfrei belegen können, dass es sich um Gräber von »Euthanasie«-Opfern handelt. Der Fortbestand dieser Gräber ist nicht gesichert, da sie nur existieren, solange die Familien bereit und in der Lage sind, die Gräber zu erhalten.

Gräber auf anderen Fried-Höfen

Manche Leichen werden nach Hause geholt.
Von ihren Familien.
Es gibt dann eine Trauer-Feier.
Oder die Familien wollen gar nicht feiern.
Nicht mal der Name soll genannt werden beim Gottes-Dienst.

Diese Toten sind nicht auf dem Fried-Hof der Anstalt beerdigt.
Sondern zu Hause.
Auf einem anderen Fried-Hof.
In der Zeit des National-Sozialismus.

Darum ist die Zahl der Ermordeten und der Gräber nicht gleich.
Auf dem Kinder-Gräber-Feld.

Die Familien in Lüneburg entscheiden:
Mein totes Kind soll nicht auf dem Anstalts-Fried-Hof liegen.
Sondern auf dem Zentral-Fried-Hof.
In der Innen-Stadt.

Auf dem Zentral-Fried-Hof liegt auch ein Kind aus Hamburg.
Es wird in der Kinder-Fach-Abteilung ermordet.
Aber alle denken:
Es ist durch Bomben gestorben.
Darum darf es auf dem Zentral-Fried-Hof beerdigt werden.
Da liegen auch andere Bomben-Opfer.

Die Opfer der Aktion T4 werden verbrannt.
In einem Ofen.
Gleich 2 oder 3 Leichen auf einmal.
Nur wenige Familien sagen:
Wir möchten die Asche haben.
Dann wird die Asche in einem Gefäß nach Hause geschickt.

Die Asche der anderen Opfer der Aktion T4 kommt weg.
Sie wird auf Feldern verteilt.
Oder in einen Fluss gekippt.
Oder in eine Erd-Kuhle geschüttet.

Ein Grab bleibt 25 Jahre.
Länger nicht.
Danach wird es aufgelöst.
Außer es ist ein Grab von einem Opfer von Krieg und Gewalt-Herrschaft.
Dann sagt ein Kriegs-Gräber-Gesetz:
Das Grab darf für immer liegen bleiben.
Und es wird bepflanzt.
Und die Blumen werden gegossen.
Die Familien müssen das nicht bezahlen.

Aber die Familien wissen das nicht.
Sie wissen nicht:
Wir haben ein Mord-Opfer in der Familie.
Sie wissen nicht:
Das Grab fällt unter das Kriegs-Gräber-Gesetz.
Darum werden die Gräber von den Familien oft auf-gelöst.
Nach 25 Jahren.

Heute gibt es nur noch ganz wenige Gräber.
Von Opfern vom Patienten-Mord.
Sie sind auf Anstalts-Fried-Höfen.
Oder in Familien-Gräbern.

Das Kriegs-Gräber-Gesetz sagt:
Deutschland kümmert sich um alle Gräber von Krieg und Gewalt-Herrschaft.
Aber die müssen gemeldet sein.
Bis zum Jahr 1985.
Dann ist Schluss.
Dann darf kein weiteres Grab dazu kommen.

Aber die Familien konnten die Gräber nicht melden.
Bis zum Jahr 1985.
Sie wissen ja nicht:
Es ist ein Grab von einem Opfer.

Bis heute sind diese Gräber nicht sicher.
Sie können jederzeit auf-gelöst werden.
Und verschwinden.
Zum Beispiel wenn die Familie stirbt.
Oder kein Geld mehr hat es zu bezahlen.
Das ist ein Problem.
Und es ist nicht gerecht.
Denn:
Alle Gräber von Opfern von Krieg und Gewalt-Herrschaft sind doch gleich.