Theresia Silker

Theresia Silker, geborene Klieve, war 49 Jahre alt, als sie in die »Aktion T4« verlegt und dort ermordet wurde. Sie wurde in Senden/Westfalen geboren und heiratete 1916 mit 23 Jahren den Schlosser und Schmied Bernhard Silker. Das Paar zog nach Lingen ins Emsland. Im April 1917 kam der gemeinsame Sohn zur Welt. Während der Schwangerschaft mit dem zweiten Kind erkrankte Theresia. Es zeigten sich erste Symptome einer Psychose.

Während ihres ersten Aufenthaltes brachte sie im ehemaligen Kloster Gertrudenberg in Osnabrück im Dezember 1918 ihr zweites Kind zur Welt. Zu früh geboren, starb die Tochter nach zwei Tagen. Im Februar 1919 wurde Theresia versuchsweise entlassen. Doch sie erholte sich von ihrer Erkrankung nicht und musste erneut eingewiesen werden. Da sie inzwischen wieder bei ihren Eltern in Senden gemeldet war, konnte sie im Herbst 1920 in der katholischen Einrichtung Marienthal in Münster aufgenommen werden, die auch eine Mitnahme von Kindern ermöglichte. Die Familie bemühte sich darum, Mutter und Sohn nicht zu trennen.

Als sich Theresias Gesundheitszustand nicht besserte, kam sie ein zweites Mal in die Anstalt Gertrudenberg. Fünf Jahre später wurde Theresia in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg verlegt. Ihr Mann war 1926 nach Buchholz i. d. Nordheide gezogen, wodurch nun die Lüneburger Anstalt für sie zuständig wurde. Nach 20 Jahren Anstaltsaufenthalt wurde Theresia am 30. April 1941 von Lüneburg über Herborn nach Hadamar verlegt und am 16. Juni 1941 ermordet.

Nach ihrem Tod ging Bernhard Silker Ende 1941 zurück nach Hiltrup. Ein halbes Jahr später kehrte er nach Buchholz zurück und starb wenige Monate später im November 1942.

Charakteristik Theresia Silker.

Von Theresia Silker, wie von vielen Frauen, die in Hadamar ermordet wurden, gibt es kein Foto. Auch sind die Krankenakten oft nicht vollständig vorhanden. Wenn überhaupt, gibt es eine Charakteristik, auf der auf zwei Seiten wesentliche persönliche Daten und höchstens das Aufnahmegutachten als Abschrift erhalten geblieben sind.

NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 2004/066 Nr. 09412.

Meldebogen Theresia Silker.

Auf Basis von Meldebögen, die Anstalten und Heime gemäß der eingeführten Meldepflicht ausfüllten und an die »T4«-Zentrale schickten, wurden Verlegungslisten zusammengestellt. Da die ursprünglichen Verlegungslisten verloren gegangen sind, wurde nachträglich, im Zusammenhang mit staatsanwaltlichen Ermittlungen, eine weitere Liste der Verlegungen von Herborn nach Hadamar zusammengestellt. Sie dokumentiert auch den tatsächlichen Todestag.

Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Abt. 461 Akte 32061 Bd. 17, S. 82.

Elfa Seipel

Elfa Seipel, geb. Piske, wurde am 6. Mai 1897 in Schleswig geboren. Elfa besuchte die Volksschule in Rendsburg, ihr Vater betrieb ein Offizierskasino. Vermutlich infizierte sich Elfa schon als Jugendliche bzw. junge Erwachsene mit »Syphilis«, einer damals weit verbreiteten Geschlechtskrankheit. Am 24. Dezember 1923 heiratete Elfa den Zahlmeister Ludwig Seipel. Bis 1931 lebte das Paar in Soltau. Die Ehe blieb kinderlos. 1932 schlug Ludwig die höhere Beamtenlaufbahn ein, zog hierfür vorübergehend zu seinen Eltern nach Hannover. Elfa bezog alleine eine Wohnung in Uelzen.

Gesundheitlich ging es ihr inzwischen schlecht. Infolge der »Syphilis« entwickelte sie Wahnideen, und sie unternahm einen Suizidversuch. Daraufhin wurde sie mit der Diagnose »progressive Paralyse« in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg eingewiesen. Ihr Bruder Otto versuchte 1936, die Entlassung zu erwirken, um seine Schwester durch die Mutter zu Hause pflegen zu lassen. Das wurde von Anstaltsdirektor Max Bräuner abgelehnt, weil ihr Aufenthaltsort dann nicht mehr im Einzugsgebiet der Anstalt gelegen hätte. Elfa Seipel wurde im Alter von 43 Jahren am 9. April 1941 in die Zwischenanstalt Herborn und von dort am 28. Mai 1941 in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt.

Die Familie erfuhr zwölf Tage später in einem »Trostbrief« von ihrem Tod. Die offizielle Todesursache lautete »Hirnschlag«. Die Familie hatte von Anfang an den Verdacht, dass Elfas Tod keine unmittelbare Folge ihrer Krankheit war.

Gruppenbild der Familie Piske, ca. 1914, Elfa ist vorne links in weißer Bluse zu erkennen.

Privatbesitz ?

»[…] schade, daß Elfa es nicht gut hatte«, schrieb Elfas Bruder Wilhelm Piske in einer Postkarte von seiner Hochzeitsreise an seine Schwester Paula. Elfas Erkrankung trat zur Hochzeit ihres Bruders im Jahr 1927 erstmals auf.

Privatbesitz Ulla Bucarey.

Den Familien der Opfer wurde die Sterbemitteilung in Form eines »Trostbriefes« zugesandt. Elfas Familie wurde am 31. Mai 1941 über die »planwirtschaftliche Verlegung« von Lüneburg nach Herborn informiert. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits drei Tage tot. Im »Trostbrief« wird behauptet, Elfa sei am 10. Juni 1941 (zugleich Datum des »Trostbriefes«) infolge eines »Hirnschlages« gestorben. Die fingierte Todesursache sollte den Mord vertuschen. Die Verlegung des offiziellen Sterbedatums ein bis zwei Wochen nach hinten ermöglichte es der »T4«-Zentrale, für diesen Zeitraum noch Pflegegeld abzurechnen.

Staatsarchiv Sigmaringen Wü 42 T 60 Nr. 344.

Theresia Silker

Theresia Silker wird mit 49 Jahren ermordet.
Sie ist ein Opfer der »Aktion T4«.
Sie ist in Senden geboren.
Das liegt in Westfalen.
Mit 23 Jahren heiratet sie den Schlosser und Schmied Bernhard Silker.

Ein Jahr später bekommen sie einen Sohn.
Nach einem Jahr ist Theresia wieder schwanger.
Sie hat für ein zweites Kind keine Kraft.
Sie wird krank.
Sie kommt in eine Anstalt.
Dort bringt sie eine Tochter zur Welt.
2 Tage später stirbt die Tochter.
Das Mädchen wurde viel zu früh geboren.

Theresia Silker bleibt krank.
Sie ist viele Jahre Patientin in der Anstalt.
15 Jahre ist sie Patientin in Lüneburg.

Am 30. April 1941 kommt sie in die »Aktion T4«.
Sie wird in eine Anstalt in Herborn verlegt.
Das ist geheim.
Ihr Ehemann und ihr Sohn erfahren davon viel zu spät.
Am 16. Juni 1941 kommt sie von Herborn in die Tötungs-Anstalt Hadamar.
Am gleichen Tag wird sie in der Gas-Kammer ermordet.

Von Theresia gibt es kein Foto.
Es gibt nur ein paar Blätter aus ihrer Kranken-Akte.

Das ist eine Verlegungs-Liste.
Darauf stehen die Namen der ermordeten Frauen.
Und ihr Geburts-Datum.
Und der Tag, an dem sie in die »Aktion T4« kommen.
Sie wurden von Lüneburg in eine Tötungs-Anstalt gebracht.
Dort wurden sie ermordet.

Kinder-Fach-Abteilungen

Im Nation-Sozialismus gibt es Kinder-Fach-Abteilungen.
Das sind besondere Kinder-Stationen.
In einer Anstalt.
Oder in einem Kranken-Haus.
Oder in einem Heim.

Da kommen Kinder und Jugendliche mit Behinderungen hin.
Und Kinder und Jugendliche mit seelischen Erkrankungen.
Oder besonderem Verhalten.
Die Jüngsten sind 1 Tag alt.
Die Ältesten sind 16 Jahre alt.

Es gibt 31 Kinder-Fach-Abteilungen im National-Sozialismus.
Die Erste im Jahr 1940.
Es gibt sie bis in das Jahr 1945.
5 Jahre lang ermorden Ärzte und Pfleger dort Kinder und Jugendliche.

Sie untersuchen die Kinder und Jugendlichen zuerst.
Sie probieren Medikamente aus.
Das ist gefährlich.
Die Kinder und Jugendlichen werden davon krank.

Ein Arzt entscheidet:
Dieses Kind oder dieser Jugendliche ist schlau.
Es darf leben.

Oder der Arzt entscheidet:
Dieses Kind oder dieser Jugendliche ist dumm.
Es kann nichts.
Deswegen muss es sterben.
Dann wird das Kind oder der Jugendliche ermordet.

Bei der Entscheidung bekommt der Arzt Hilfe.
Vom Reichs-Aus-Schuss.
Das sind 3 Ärzte.
Sie kennen das Kind und den Jugendlichen nicht.
Sie kennen nur den Bericht vom Arzt.
Sie sagen dem Arzt:
Du darfst das Kind ermorden.

Für die Ermordung wird der Arzt sogar belohnt.
Und die Pfleger auch.
Sie bekommen mehr Geld.
Im National-Sozialismus gibt es diese Kinder-Fach-Abteilungen:
Ansbach
Berlin-Wittenau
Breslau
Dortmund-Aplerbeck
Eglfing-Haar
Eichberg
Göhrden
Graz
Großschweidnitz
Hamburg-Langenhorn
Hamburg-Rothenburgsort
Kalmenhof
Kaufbeuren
Konradstein
Leipzig
Leipzig-Dösen
Loben
Lüneburg
Marsberg
Sachsenberg
Schleswig-Hesterberg
Schleswig-Stadtfeld
Stadtroda
Stuttgart
Tiegenhof
Uchtspringe
Ueckermünde
Waldniel
Wien
Wiesengrund
Wiesloch

Reichs-Aus-Schuss

Der Reichs-Aus-Schuss sind 3 Ärzte.
Sie heißen Werner Catel, Hans Heinze und Ernst Wentzler.
Sie entscheiden:
Dieses Kind oder dieser Jugendliche muss sterben.
Dieses Kind oder dieser Jugendliche darf ermordet werden.
Das ist in der Zeit des National-Sozialismus.

Sie bekommen einen Melde-Bogen.
Das ist ein Zettel.
Darauf steht die Erkrankung des Kindes oder des Jugendlichen.
Sie entscheiden:
Dieses Kind ist krank.
Es muss in eine Kinder-Fach-Abteilung.
Dort kann es sterben.

Sie denken:
Ich als Arzt darf über Leben und Tod entscheiden.
Sie denken:
Es gibt eine Erlaubnis.
Durch den Führer Adolf Hitler.

Der Führer erlaubt:
Kinder mit Behinderungen müssen gemeldet werden.
Kinder mit Behinderungen müssen in eine Kinder-Fach-Abteilung.
Kinder mit Behinderungen dürfen ermordet werden.
Aber das muss geheim bleiben.
Deshalb wird der Melde-Bogen an eine falsche Adresse geschickt.

Nur die Namen von den 3 Ärzten Catel, Heinz und Wentzler
vom Reichs-Aus-Schuss kennen wir.
Alle anderen Namen vom Reichs-Aus-Schuss werden verschwiegen.
Über die wird nicht gesprochen.

Der Reichs-Aus-Schuss entscheidet nicht über alle Kinder-Morde.
Der Reichs-Aus-Schuss entscheidet über 3 bis 5 Tausend Morde.

Luminal

Luminal ist ein Medikament.
Das gibt es schon sehr lange.
Schon über 100 Jahre.

Luminal hilft gegen Schlaf-Probleme.
Und gegen Anfälle.

Man darf nicht zu viel von dem Medikament nehmen.
Da bekommt man eine Vergiftung.
Das ist gefährlich.

Mit dem Medikament werden Kinder ermordet.
Im National-Sozialismus.
Kinder in besonderen Kranken-Häusern.
Kranke Kinder.
Kinder mit Behinderungen.
Kinder die nicht laufen können.
Oder nicht sprechen.

Damals entscheiden Ärzte:
Das Kind ist dumm.
Das Kind ist krank.
Darum muss es sterben.

Die Ärzte geben den Kindern das Medikament.
Aber zu viel davon.
Die Kinder bekommen eine Lungen-Entzündung.
Sie sterben.
Manche Kinder über-leben.
Dann bekommen sie das Medikament noch einmal.
Bis sie sterben.
Das ist Mord mit dem Medikament Luminal.

Die Ärzte schreiben das nicht in die Kranken-Akte.
Nur Lungen-Entzündung als Sterbe-Grund.
Oder eine andere Krankheit.
Sie lügen.
Sie geben nicht zu dass sie die Kinder ermordet haben.
Sie sagen nichts.
Sie wissen es ist leicht mit Luminal zu morden.
Keiner merkt das.
Es fällt nicht auf.
Darum wird kein Arzt bestraft.

Luminal gibt es heute immer noch.
Es wird gegen Anfälle benutzt.