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Zwangsarbeit

Auf dem Gebiet des Deutschen Reiches wurden mit Kriegsbeginn am 1. September 1939 viele Männer im wehrpflichtigen Alter zum Kriegsdienst eingezogen. Ihre Arbeitskraft konnte nicht gänzlich durch den Reicharbeitsdienst und weibliche Beschäftigte kompensiert werden. Daher wurden in den besetzen Gebieten anfangs Zwangsarbeiter*innen rekrutiert und später gegen ihren Willen verschleppt. Darüber hinaus kam es völkerrechtswidrig auch zu einem verstärkten Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen sowie KZ-Häftlingen.

In Deutschland und den von Deutschland besetzten Gebieten gab es rund 13 Millionen Zwangsarbeiterinnen, in der Stadt und im Kreis Lüneburg waren es rund 6.000. Viele kamen aus Osteuropa, insbesondere Polen und ab 1941 vermehrt auch aus der Sowjetunion. Um sie zu kennzeichnen, waren sie zum Tragen eines »P« für Polen sowie eines »Ost« für »Ostarbeiter« (NS-Bezeichnung der Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion) verpflichtet. Diese Zeichen mussten erkennbar an der Kleidung getragen werden. Ab 1942 wurden auch Zwangsarbeiter*innen aus Westeuropa eingesetzt.

Zwangsarbeiterinnen waren schwerpunktmäßig in der (Rüstungs-)Industrie und in der Landwirtschaft eingesetzt. In den Jahren 1943 und 1944 bildeten sie ein Viertel, in manchen Betrieben sogar bis zu 60 Prozent der Beschäftigten. Im Sommer 1944 gab es zeitgleich sechs Millionen Zwangsarbeiterinnen im Dritten Reich. Ein Drittel davon waren Frauen, die gemeinsam mit ihren Kindern verschleppt wurden. Hinzu kamen rund zwei Millionen Kriegsgefangene.

Die Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter*innen unterschieden sich nach Herkunft, Geschlecht und Einsatzort. Auch war von Bedeutung, ob es sich um »Militärinternierte« handelte, die als »Verräter« besonderen Repressalien ausgesetzt waren.

Die Zwangsarbeiterinnen wurden oft in Massenunterkünften bzw. Lagern untergebracht. Es gab jedoch insbesondere bei kleineren Betrieben auch Privatunterkünfte. Der Lohn war uneinheitlich, auch wurden Kosten für Unterkunft und Verpflegung abgezogen. Westliche Kriegsgefangene erhielten wöchentlich maximal zwei Reichsmark bzw. 0,30 Reichsmark am Tag. »Ostarbeiterinnen« erhielten oft nur 0,10 Reichsmark am Tag, sofern überhaupt Lohn ausgezahlt wurde und die »Ostarbeiterabgabe« nicht gänzlich vom Betrieb einbehalten wurde. Im Vergleich dazu verdienten Arbeiter*innen in der Industrie durchschnittlich 40 Reichsmark die Woche bzw. 6,60 Reichsmark am Tag.

Zwangs-Arbeiter

Im Zweiten Welt-Krieg müssen viele Männer als Soldat kämpfen.
Die deutschen Soldaten fehlen als Arbeits-Kräfte.
Darum werden Menschen aus anderen Ländern verschleppt.
Sie werden gegen ihren Willen nach Deutschland geholt.
Diese Menschen werden zur Arbeit gezwungen.
Sie sind Zwangs-Arbeiter.

Es gibt 13 Millionen Zwangs-Arbeiter.
In der Zeit des Zweiten Welt-Krieges.
Männer und Frauen.
Viele Frauen kommen mit ihren Kindern.

Die meisten Zwangs-Arbeiter kommen aus besetzten Ländern.
Zum Beispiel Polen.
Oder die Ukraine.
Sehr viele Zwangs-Arbeiter kommen auch aus Russland.
Es sind Soldaten die gegen Deutsche verloren haben.
Es sind Kriegs-Gefangene.
Sie dürfen als Gefangene eigentlich gar nicht arbeiten.
Aber den National-Sozialisten ist das egal.

Die Zwangs-Arbeiter müssen schwer arbeiten.
Die meisten arbeiten in der Land-Wirtschaft.
Und in Fabriken.
Da müssen sie Waffen für den Krieg bauen.

Sie werden nicht gut behandelt.
Es gibt viel Gewalt.
Sie bekommen oft nicht genug zu essen.
Sie sind lange von ihren Familien getrennt.
Sie müssen in Lager.
Da ist es wie im Gefängnis.
Darum werden viele schwer krank.
Oder sie sterben.

»Ausländersammelstellen«

1944 entschied das Reichministerium des Innern, elf Heil- und Pflegeanstalten auf dem Gebiet des Deutschen Reiches auszuwählen, die ihren Schwerpunkt auf die »Versorgung« von Patient*innen ausländischer Herkunft legen sollten. Dort sollten Sammelstellen für unheilbar erkrankte Zwangsarbeiter*innen eingerichtet werden. Neben den Anstalten Bonn, Hadamar, Kaufbeuren, Landsberg/Warthe, Lüben, Mauer-Öhling, Pfafferode, Schleswig, Schussenried und Tiegenhof gehörte auch die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg dazu. Diese Entscheidung war eine Reaktion darauf, dass es kriegsbedingt zunehmend Versorgungsengpässe gab, die sich mit zunehmender Anzahl an Anstaltspatient*innen mit Fluchthintergrund zudem verschärften. In den ab September 1944 eingerichteten »Ausländersammelstellen« wurden schließlich sämtliche Patient*innen mit ausländischer Herkunft (unter ihnen auch eine hohe Zahl an Kriegsflüchtlingen) konzentriert.

In den »Ausländersammelstellen« wurden die Zwangsarbeiter*innen von den Anstaltsärztinnen und -ärzten nach ihrer Einsatz- und Leistungsfähigkeit begutachtet. Die fachpsychiatrische Begutachtung setzte in einem hohen Maße voraus, dass zwischen Ärztin bzw. Arzt und Patient*in eine Verständigung möglich war. Die Übersetzung durch eine*n Sprachmittler*in fand jedoch nur in Ausnahmefällen statt. Entsprechend willkürlich und unbrauchbar waren die Gutachten. Trotzdem waren sie Grundlage für die Beurteilung, ob und wie ein*e Zwangsarbeiter*in behandelt wurde. Die als arbeitsfähig eingestuften Patient*innen wurden ausreichend versorgt und nach einer Regenerierung an den Arbeitseinsatzort »gebessert entlassen«, mit fortbestehendem Risiko, dort zu sterben bzw. getötet zu werden.

Die als einsatz- und leistungsunfähig beurteilten Zwangsarbeiter*innen wurden meist Opfer der »Euthanasie«. Sie starben infolge von Mangelversorgung sowie durch überdosierte Medikamente. Auch lassen Untersuchungen die Annahme zu, dass es in den Heil- und Pflegeanstalten zu Medikamenten- und Wirkstoff-Erprobungen an Zwangsarbeiter*innen gekommen war.

Nach ihrem Tod wurden die Zwangsarbeiter*innen auf den jeweiligen Anstaltsfriedhöfen bestattet. Für die Tötungsanstalt Hadamar ist belegt, dass die Opfer der dortigen »Ausländersammelstelle« in Massengräbern bestattet wurden, die als Einzelgräber getarnt worden waren. Nach Kriegsende wurden diese Gräber geöffnet, die Leichen exhumiert. Im Zuge internationaler Abkommen wurden viele Leichen der Opfer der »Ausländer-Euthanasie« in die Herkunftsländer zurück überführt.

Ausländer-Sammel-Stellen

Im Jahr 1944 entscheidet der Minister:
Patienten aus dem Ausland dürfen ermordet werden.
Dafür muss man sie sammeln.
Also werden Ausländer-Sammel-Stellen eingerichtet.
In 11 Anstalten.
Das sind Spezial-Stationen nur für ausländische Patienten.
Dort entscheidet ein Arzt:
Der ausländische Patient darf leben.
Oder der ausländische Patient muss sterben.

In die Ausländer-Sammel-Stelle kommen:
Zwangs-Arbeiter
Flüchtlinge
Kinder von Zwangs-Arbeitern
Ausländer die in Deutschland leben

Ein Arzt in der Sammel-Stelle guckt die Patienten an.
Er spricht nicht mit ihnen.
Weil er die Sprache nicht kann.
Der Arzt versteht den Patienten nicht.

Trotzdem entscheidet der Arzt:
Der Zwangs-Arbeiter kann noch arbeiten.
Dann muss er zurück in die Zwangs-Arbeit.

Oder der Arzt entscheidet:
Der Zwangs-Arbeiter ist zu krank zum Arbeiten.
Er muss in der Anstalt bleiben.
Man kann nicht erlaubte Medikamente an ihm ausprobieren.
Und er darf er ermordet werden.
Weil er nicht mehr arbeiten kann.

Die Toten werden beerdigt.
Auf dem Fried-Hof der Anstalt.
Aber auf keinen Fall neben deutschen Toten.
Sie bekommen extra Gräber.
Nur für Ausländer.
Deutsche und Ausländer werden sogar noch tot getrennt.

Nach dem Krieg holen die Länder ihre Toten nach Hause.
Endlich finden sie Frieden.

Zwangsarbeit und Psychiatrie

Viele Zwangsarbeiter*innen erkrankten psychisch infolge von schwerer körperlicher Arbeit, Mangelernährung, desolater Unterbringung sowie Gewalterfahrungen. Sofern eine psychische Erkrankung diagnostiziert wurde – etwa durch eine*n Lagerarzt/-ärztin oder durch die*den Amtsarzt/-ärztin, konnten die Patient*innen fachmedizinisch behandelt und in die Psychiatrie eingewiesen werden.

Mit dem rasanten Anstieg der Zahl der Zwangsarbeiter*innen aus West- und Osteuropa 1943 stieg auch die Anzahl der Patient*innen, die eine psychiatrische medizinische Versorgung benötigten.
Um die Zwangsarbeiter*innen von den regulären Anstaltspatient*innen zu separieren, wurden entsprechende Stationen bzw. »Ostarbeiter«-Abteilungen eingerichtet. Diese Separierung hatte mehrere Gründe. Zum einen, sollten Infektionsketten unterbrochen werden, da Zwangsarbeiter*innen infolge katastrophaler hygienischer Bedingungen in ihren Unterkünften neben ihrer psychiatrischen Diagnose vermehrt an ansteckenden Erkrankungen litten, etwa Tuberkulose. Zum anderen ermöglichte die Separierung eine strukturell angelegte Mangelversorgung und -ausstattung. Außerdem sollten deutsche Patient*innen vor den Zwangsarbeiter*innen »geschützt« bleiben, somit diente die Separierung auch der Isolierung der als kulturell und rassisch »minderwertig« geltenden osteuropäischen Patient*innen.

1944 entschied das Reichministerium des Innern sogenannte »Ausländersammelstellen« in elf Heil- und Pflegeanstalten auf dem Gebiet des Deutschen Reiches einzurichten. Im September 1944 wurde die Anordnung umgesetzt. Viele Psychiatriepatient*innen ausländischer Herkunft, die in diesen Sammelstellen konzentriert wurden, wurden Opfer der »Euthanasie«.

Zwangs-Arbeit und Anstalt

Viele Zwangs-Arbeiter werden krank.
Durch die viele Arbeit.
Und viel Gewalt.
Und zu wenig zu essen.
Und schlechtes Wohnen.

Oft bekommen sie eine Lungen-Krankheit.
Und sie werden seelisch krank.
Sie werden stumm.
Sie sind erschöpft und ohne Kraft.
Sie haben große Trauer.
Sie wollen nicht mehr leben.

Sie kommen in ein besonderes Kranken-Haus.
Sie werden Patient.
In einer Anstalt.
Besonders oft in den Jahren 1943 und 1944.

Die Zwangs-Arbeiter bekommen eigene Stationen.
Die heißen Ost-Arbeiter-Abteilung.
Da dürfen keine deutschen Patienten liegen.
Da müssen alle ausländischen Patienten liegen.
Sie bekommen dort eine besonders schlechte Behandlung.

Dann entscheidet der Minister:
Patienten aus dem Ausland dürfen ermordet werden.
Dafür muss man sie alle an einem Ort sammeln.
Also werden Ausländer-Sammel-Stellen eingerichtet.
In Anstalten.
Das sind besondere Stationen nur für ausländische Patienten.
Dort entscheidet ein Arzt:
Der ausländische Patient darf leben.
Oder der ausländische Patient muss sterben.

Das ist im Jahr 1944.
Kurz vor Kriegs-Ende.